Dritter Band. 29
Du nur recht oft her und laß uns über dieſe Dinge gründlich ſprechen, das wird uns Beide zerſtreuen und aufklären.“
Wolfgang folgte dieſer Einladung gern. Seit dem Tode der Mutter war ihm das väterliche Haus vollends verödet; hier in der Geſellſchaft dieſer guten Menſchen, fühlte er eine Linderung ſeines Kummers; hier durfte er reden, wie es ihm um's Herz war; hier durfte er die ſtarre Maske abnehmen und ſein wahres Antlitz zeigen. Wie er es vermied, über ſeine anderen Verhältniſſe zu ſprechen, ſo ging man von der andern Seite jeder Erwähnung derſelben ſorgfältig aus dem Wege; ſelbſt Tante Bella, die am meiſten kriegeriſch Ge⸗ ſinnte, ſchien, nachdem ſie am Begräbnißmorgen Margarethens ihrem Herzen gegen„die Sippe“ Luft gemacht, die Sache von nun an auf ſich beruhen laſſen zu wollen.
In ſeinem Verhältniß zu Ottilie war ſeit einiger Zeit eine für einen ſchärferen Beobachter nicht unmerkliche Veränderung eingetreten. Je öfter er mit ihr zuſammen kam, je öfter er in ihre großen klugen blauen Augen ſchaute, je tiefer er ſich ihre ſanfte Stimme und ihr melodiſches Lachen einprägte, je eingehender er mit ihr über eine Menge Dinge, die zum Theil dem Horizonte der Mädchen gewöhn⸗ lichen Schlages ſehr fern liegen, ſprach und dabei Gelegenheit hatte, die ruhige Sicherheit ihres Urtheils und die Zartheit ihrer Empfindung zu bewundern— deſto ſeltſamer und unbegreiflicher kam ihm der vertrauliche Ton vor, den er ſich von vornherein gegen dies bevor⸗ zugte Weſen erlaubt hatte, und deſto mehr fühlte er ſich doch zu gleicher Zeit zu dem lieben Mädchen hingezogen. Sie ihrerſeits ſchien dieſelbe geblieben, die ſie war. Nur wollte Tante Bella bemerkt haben, daß ihre Augen einen tieferen Glanz bekommen hätten und daß ſie lebhafter, theilnehmender, thatkräftiger—„ſchmitz'ſcher“, wie Tante Bella ſagte— geworden ſei. Aber Tante Bella ſah freilich nicht, daß Ottilie, ſo oft ſie allein war, halbe, ganze Stunden lang ſitzen und träumen konnte, bis ſie dann wohl, aus dem Traume er⸗ wachend, mit der Hand über die Augen ſtrich und leiſe vor ſich hin ſagte:„Es muß ſich Alles, Alles wenden!“


