12 Die von Hohenſtein.
ſagte er und ſtreckte die Hand nach Hut und Stock aus, die neben ihm auf einem Seſſel lagen.
„Aber, großer Gott, College, Freund! Sie wollen mich doch nicht verlaſſen? In dieſer Noth nicht verlaſſen!“ rief der Präſident, den kleinen Mann ängſtlich in den Fauteuil wieder zurückdrängend.
„Ich weiß keinen Rath,“ ſagte der Medicinalrath verdrießlich; „abſolut keinen Rath!“ Der Präſident ging, die Hände auf dem Rücken, mit langen Schritten in dem Gemache auf und ab.
„Aber es iſt ja nicht möglich!“ ſagte er, wieder vor dem Me⸗ dicinalrath ſtehen bleibend,„man kann den Chef einer Familie, wie die unſrige, die ihren Stammbaum bis in das vierzehnte Jahrhundert zurückführt, nicht auf die Denunciation eines gemeinen Weibes hin verurtheilen. Der alte Herr muß ja die Sympathie der Richter, der Geſchworenen, aller Welt für ſich haben.“
„Sie dürften ſich gerade in dem letzteren Punkte irren, Werth⸗ geſchätzter,“ ſagte der Medicinalrath;„der Ruf, in welchem der Ge⸗ neral ſteht, iſt bekanntlich nicht der beſte, und dann vergeſſen Sie einen hochwichtigen Punkt. Der General iſt Proteſtant, und ſeine Richter, ſeine Geſchworenen werden dem größeren Theil nach Katho⸗ liken ſein. Unſer proteſtantiſcher Beamten⸗ und Militairadel aus den öſtlichen Provinzen ſteht bei dem gemeinen Mann und auch ſonſt bei den Lokalpatrioten in keineswegs gutem Geruch. Ich halte es gar nicht für unmöglich, daß, ſelbſt im Falle die Sache ſchwer zu er⸗ weiſen ſein ſollte, ſich die Meinung im Publikum gegen den General erklärt, und Sie wiſſen, das influencirt immer auf die Richter, und vor allemauf die Geſchworenen. Dazu kammt, daß der Oberpro⸗ curator ein Ultramontaner vom reinſten Waſſer und ein Abkömmling des alten eingeſeſſenen Adels iſt, alſo in ſeiner Perſon zwei Eigen⸗ ſchaften vereinigt, welche es ihm ſehr ſüß erſcheinen laſſen werden, einmal an einem dieſer Eindringlinge, die ihnen immer die beſten Stellen wegſchnappen, ein Exempel zu ſtatuiren. Sie werden mir zutrauen, daß ich, der ich ſelbſt Katholik bin und aus einem alten Patriciergeſchlecht ſtamme, dieſe Verhältniſſe einigermaßen beurtheilen kann, wenn ich auch als Politiker den Schwerpunkt nicht hier in Rheinadt, ſondern in der Reſidenz ſuche, und auch ſonſt die


