Zweiter Band. 195
„Haben Sie denn die Broſchüre geleſen?“ fragte von Todwitz, „iſt es denn wirklich ſo toll?“
„Zum Anbinden toll, auf Ehre!“ rief von Hinkel,„ich ſah das Dings bei meinem Onkel auf dem Büreau und habe es in aller Eile durchgepeitſcht. Ein dünnes Dings, aber der Unſinn! Alles wird runter gemacht, aber Alles! unſere Bewaffnung taugt nichts, unſere Gefechtsweiſe iſt veraltet; Parademarſch iſt nicht; große Garniſonen dummes Zeug, dafür Uebungslager; einjährige Dienſtzeit für die Infanterie, anderthalbjährige für die Specialwaffen. Und was Allem die Krone aufſetzt: die Unterofficiere ſollen avanciren können— Officier werden können.“
„Dummes Zeug!“ fagte von Wyſe.
„Was ich Ihnen ſage, Wyſe! ſollen avanciren können! Er ver⸗ ſpricht ſich gerade daraus einen immenſen Vortheil für die Armee!“
„Der Kerl muß verrückt ſein;“ ſagte Kunv.
„Scheint beinahe ſo!“ ſagte von Hinkel.
In dieſem Augenblick trat ein Unterofſicier herein.
„Was wollen Sie?“ ſchrie ihn von Hinkel an.
„Rapport von—“
„Der Lieutenant iſt auf der Ronde. Was giebt's?“
„Ein Mann arretirt, der ſich der Wache wiverſetzt hat.“
„Is' gut! Laſſen Sie den Kerl vorläufig in's Loch ſtecken⸗ Will's dem Lieutenant ſagen, wenn er zurückkommt.“
„Zu Befehl!“
Der Unterofficier machte auf dem Abſatz Kehrt und verließ das Gemach.
„Das geht jetzt flott,“ ſagte von Wyſe;„ſeit dem Belagerungs⸗ zuſtanv giebt's an einem Abend mehr Arreſtanten, als ſonſt in einer Woche. Das Bürgerpack hat jetzt Zeit, Mores zu lernen. War wa'haftig hohe Zeit. Aber der Hohenſtein kommt auch gar nicht wieder. Wo er nur ſtecken mag?“
„Wird ſich wohl von jedem Poſten anrufen laſſen,“ meinte Kuno; „ſein mütterlich bürgerliches Gewiſſen wird fonſt keine Ruhe haben.“ „Hören Sie, Kuno,“ ſagte von Wyſe,„ſticheln Sie nicht auf
Ihres Vetters bürgerliche Abſtammung mütterlicher Seits. Es wurde 13*


