44 Die von Hohenſtein.
fahren! Ich habe eine Sehnſucht, mich hinein zu ſtürzen. Ich brauche eine Aufregung; mir iſt, als kämen wir nicht aus der Stelle, als ob die Revolution im März geſtorben wäre und wir ſchmückten einen Leichnam, ohne es zu wiſſen. Die Zuſammenkunft mit meinem Gegner wird mich erquicken. Ich werde ihm den ſechſten Brief in's Geſicht ſagen, ſo brauche ich ihn nicht zu ſchreiben. Das iſt profit tout clair.“
Und Münzer eilte aus dem Zimmer, ohne auf ſeinen lahmen Gefährten zu warten.
„Ich glaube, der Münzer ſchnappt noch einmal über,“ ſagte Dr. Holm, während er ſich mit außergewöhnlicher Vorſicht,— denn Cajus' Unfall hatte ihn lebhaft an die Gebrechlichkeit und Hinfällig⸗ keit alles Menſchlichen erinnert— über die knarrende Gallerie nach vorne in die Schmitz'ſchen Wohnzimmer begab,„wie kann nur ein ſonſt ſo geſcheidter Menſch in anderen Punkten wieder ſo ganz ver⸗ rückt ſein.“
Fünftes Capitel.
Dr. Holm traf in dem Schmitzſchen Wohnzimmer die ganze Fa⸗ milie beiſammen. Peter durchmaß mit den Händen auf dem Rücken raſchen Schrittes die Länge des Zimmers von der alten Schwarz⸗ wälder Kukuksuhr auf der einen bis zum Portrait Waſhington's auf der anderen Seite, und vom Waſhington wieder bis zur Kukuksuhr; Tante Bella ſaß auf ihrem gewöhnlichen Platz im Erker, wie gewöhn⸗ lich ſtickend— diesmal mit einer Docke ſchwarzen Stickgarns um den Hals— ihr gegenüber Ottilie, die, wie es ſchien, der Tante ge⸗ holfen hatte, in dieſem Augenblicke aber, wo Holm hereintrat, in ihren Stuhl zurückgelehnt und den Kopf aufgeſtützt, in Nachdenken ver⸗ ſunken war. Es bedurfte keines großen Scharfblicks, um zu ſehen, daß eine ſchwere Wolke am Schmitzſchen Familienhimmel ſtand. Die perpendikuläre Falte zwiſchen Peter Schmitz' Augenbrauen war merk⸗ würdig ausgeprägt; Ottilie hatte offenbar geweint, und die lebhaftere


