Teil eines Werkes 
8. Band, Die von Hohenstein : Roman : 2. Band (1867)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

30 Die von Hohenſtein.

lieber Bruder! Siehſt Du, gerade weil ich ſo viel von Deinen Talenten hielt, gerade weil ich wußte, daß Du ein Stolz der Familie ſein könnteſt, wenn Du wollteſt— gerade deshalb kränkte es mich ſo ſehr, daß Du eine Richtung einſchlugſt, die Dich weiter und immer weiter von uns entfernen mußte und in der That entfernt hat. Wie tief mein Kummer über das Alles geweſen iſt, das habe ich erſt jetzt an der Freude erfahren, die ich empfand, als ich vorgeſtern Abend auf dem Rathhauſe vor allen Anweſenden in Dir den Retter der Stadt umarmen konnte. Lieber Arthur! Laß uns nachholen, was wir verſäumt haben, ſo weit es noch möglich iſt! Wie groß mein Vertrauen zu Dir iſt, kannſt Du daraus abnehmen, daß ich heute als eine Art Bittender, um Aufſchluß Bittender zu Dir komme. Um es kurz zu machen: meine Frau hat mir ein Langes und Breites von einer ſtillen Neigung erzählt, die meine Camilla während des Be⸗ ſuches auf Rheinfelden für Deinen Wolfgang, und, wie Clotilde meint, Dein Wolfgang vice versa für meine Camilla gefaßt hat. Ich habe mit dem Kinde ſelbſt natürlich noch nicht geſprochen, werde es auch nicht thun, bevor ich weiß, was denn nun eigentlich an der Sache, die mich natürlich höchlich überraſcht hat, iſt. Und zu dem Zwecke bin ich eben hier. Hat Dir Dein Wolfgang, oder Deine Frau— Frauen ſind in dieſen Dingen ſo äußerſt ſcharfſinnig!— eine Mittheilung gemacht? Du ſiehſt: ich vertraue Dir ganz, ver⸗ traue Du auch mir.“

„So haſt Du keinen Brief von dem Onkel erhalten?“ fragte der Stadtrath.

„Von dem Onkel? Nein— kein Wort!“ ſagte der Präſident.

„Und weißt auch nicht, was der Onkel über Wolfgangs Zukunft beſchloſſen hat? daß der Wolfgang die Juriſterei aufgeben, Soldat werden und in Guisbert's Regiment eintreten wird?“

„Nicht das Mindeſte!“ erwiderte der Präſident mit trefflich ge⸗ ſpielter Ueberraſchung.

„So erlaube, daß ich Dir dieſen Brief, den ich heute Morgen vom Onkel erhielt, vorleſe,“ erwiderte der Stadtrath, aufſtehend, an den Schreibtiſch tretend und den Brief des Alten zur Hand nehmend.

„Ich bin ganz Ohr,“ ſagte der Präſident und hörte mit den