Teil eines Werkes 
7. Band, Die von Hohenstein : Roman : 1. Band (1867)
Entstehung
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Erſter Band. 209 Eſſen nicht auf mich zu warten; und noch Eines, Gretchen! ich höre, daß Deine Verwandten Dich geſtern und heute beſucht haben. Das muß aufhören; ich kann es nicht dulden. Jetzt, wo Aller Augen auf mich gerichtet ſind und jeder meiner Schritte beobachtet wird, darf ich keine demokratiſchen Relationen mit der Ufergaſſe haben.

Aber, Arthur! ſagte Margarethe;das iſt doch hart. Mein Bruder iſt ſeit acht Tagen todt und ich ſoll die Tochter meines Bruders nicht einmal ſehen dürfen.

Ja ſo, ſagte Herr von Hohenſtein;entſchuldige! ich hatte wirklich nicht daran gedacht. Aber gleich viel! Es handelt ſich hier um wichtigere Dinge, als um ein bischen Familienſentimentalität. Adieu, Gretchen!

Der Stadtrath hatte vor dem Spiegel ſein Halstuch in Ordnung gebracht, ſeinen Hut abgebürſtet und ſah nach der Uhr.

Hilf Himmel, ſchon halb zwölſ; es iſt die höchſte Zeit, wenn ich den Obriſt noch treffen will. Adieu, Gretchen!

Er warf ſeiner Gattin eine Kußhand zu und eilte zur Thür hinaus.

Margarethe folgte ihm langſam. Sie ſchloß mechaniſch die Stube zu, und hing den Schlüſſel an die gewohnte Stelle und kehrte auf der Treppe noch einmal um, weil ſie bereits nicht mehr wußte, ob ſie abgeſchloſſen hatte oder nicht. Sie war von dem, was ſie gehört, wie betäubt. Nur das Eine wußte ſie, daß zwiſchen ihr und dem Vater ihres Sohnes die Kluft ſo groß geworden ſei, daß die ſcheuen Liebesarme, die ſie nach ihm ausſtreckte, nicht mehr hinüber⸗ reichen würden; und nur das Eine fürchtete ſie, daß dieſe Kluft ſie auch noch von ihrem Sohne trennen könnte. Das war der ſchmerz⸗ lichſte Gedanke für die arme Margarethe und wie ſie ſo langſam, langſam die Treppen hinaufſtieg, rannen ihr die Thränen Tropfen um Tropfen lungſam über die bleichen Wangen!

Ende des erſten Bandes.

Fr. Spielhagen's Werke. VII.