130 Röschen vom Hofe.
ſchreiben laſſen und nur ſo viel für mich behalten, als für meinen Unterhalt in— in dem Ort, wohin ich mich begebe, nothwendig iſt. Was ich hier zurücklaſſe, iſt Dein freies Eigenthum; das Teſtament, das Dich erſt nach meinem Tode zur Erbin einſetzte, hat das Feuer im Kamin verzehrt, zuſammen mit den Briefen, die Deine Mutter mir einſt geſchrieben.“
„Vater, Vater!“ rief Roſe, zu den Füßen des alten Mannes niederſtürzend.„Biſt Du mein Vater und kannſt mein Herz ſo zer⸗ reißen! Um Gotteswillen, Vater, ſtoße mich nicht ſo von Dir! Thu's nicht, um meinet⸗ und Deinethalben nicht! Das könnte Dir keinen Segen bringen. Wenn Du ſagſt, daß ich Dir ein treues, gehorſames Kind geweſen bin— ich bin noch, was ich geweſen. Ich habe keinen Augenblick aufgehört, Dich zu lieben, zu verehren; ich rechne Dir die Schmerzen nicht an, die mir Deine Kälte bereitet hat; weiß ich doch, wie ſehr Du ſelbſt unter dieſer unnatürlichen Entfremdung gelitten haſt. Laß uns wieder ſein, was wir vorher waren; es ſteht nur bei Dir, Vater. Nimm mich an Dein Herz, wie Du es ſonſt thateſt. Vater, Vater, laß mich wieder Dein Kind ſein!“
Roſe umklammerte ihres Vaters Knie unter Schluchzen und Thränen. Der alte Mann ſtöhnte laut, wie von furchtbaren Schmerzen gepeinigt; aber er hatte dieſe zitternden Locken, dieſen bebenden Körper ſchon einmal geſehen— an jenem Abend, als der Graf von ihnen gegangen war— und er drängte die Weinende von ſich.
„Wer war die dunkle Geſtalt, mit der Du vor einer halben Stunde aus dem Park tratſt, Roſe?“ ſagte er mit dumpfer Stimme.
Roſe richtete ſich erſchrocken auf und ſtrich die Locken aus dem Geſicht.
„Ich habe Dich nicht beobachtet, Roſe,“ ſagte Herr von Weißen⸗ bach,„ich war vorhin auf Deinem Zimmer, Dich zu ſuchen, und trat zufüllig an das Fenſter. Zwiſchen den beiden Scheunen ſieht man jetzt, da die Bäume kahl werden, den Eingang in die Allee und— meine Augen, weißt Du, ſind ſcharf.“
„Und wenn ſie noch ſchärfer wären, Vater,“ ſagte Roſe, ſich ganz in die Höhe richtend, ſie hätten nichts geſehen, deſſen ich mich zu ſchämen brauchte. Ich bin in den Park gegangen, weil— weil


