128 Röschen vom Hofe.
das Gnadenbrot unſeres Hauſes gegeſſen. Ich glaube nicht, daß er ſich neulich Abends deſſen noch erinnerte.“
Roſe ſchauderte; ſie dachte an die wüſten Augen, die ſie heute Nachmittag in der Dorfſtraße ſo drohend angeſtiert hatten.
„Indeſſen,“ fuhr Herr von Weißenbach fort,„die Anne war ein ſauftes, freundliches Geſchöpf, und ſo magſt Du Dir ja denn auch vielleicht in ihrem Kinde eine treue Dienerin erziehen. Jedenfalls wirſt Du in der Pflege des Kindes— ich nehme als ſelbſtverſtänd⸗ lich an, daß Du nur, ſo zu ſagen, die Oberaufſicht darüber führſt— eine Beſchäftigung haben, wenn Du es vorziehſt, hier zu bleiben.“
„Ich ſehe, daß Du verreiſen willſt, Vater,“ ſagte Roſe mit einer vor Trauer und banger Sorge zitternden Stimme.
„Das iſt hauptſächlich, worüber ich mit Dir ſprechen wollte,“ ſagte Herr von Weißenbach, den Schürer ergreifend und in den glimmenden Kohlen rührend;„meine Reiſe könnte möglicherweiſe ein wenig lange dauern; und da iſt es denn doch nothwendig, daß ich Dich über Alles unterrichte.“
„Um Gotteswillen, Vater,“ rief Roſe, die ihre Angſt nicht mehr beherrſchen konnte,„was iſt es? haſt Du eine Vorladung bekommen? ſollten ſie wirklich wagen—“
„Einen alten Mann in das Gefängniß zu werfen? Ich fürchte, daß dies in allernächſter Zeit geſchehen möchte; und da ich nicht Luſt habe, mich in dem Hauſe meiner Väter von den Häſchern abholen zu laſſen, ſo ziehe ich vor, mich freiwillig zu ſtellen. Mögen ſie dann mit mir machen, was ſie wollen.“
„Aber Vater,“ rief Roſe,„es ſpricht ja nichts dafür, daß man gerade jetzt noch weiter in der Sache gehen wird. Im Gegentheil, man wird ſich wohl hüten, die ſo ſchon herrſchende Aufregung noch zu vermehren; das Miniſterium hat alle Mühe, ſich nur überhaupt auf ſeiner Stelle zu halten; es wird die Angriffe der Oppoſition, denen es ſo ſchon nicht gewachſen iſt, nicht noch mehr herausfordern wollen.“
Herr von Weißenbach lächelte; es war ein bitteres Lächeln.
„Wir haben uns ja in letzterer Zeit zu einer großen Politikerin ausgebildet,“ ſagte er.


