Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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48 Röschen vom Hofe.

ſo arm, ſo demüthig, daß er mit keinem Kaiſer der Welt hätte tauſchen und zugleich jedem Bettler hätte dienen mögen.

Hatte der Graf ſich ſo eigentlich keinen Moment über ſeine Leidenſchaft für Roſe getäuſcht, ſo war ſich auf der anderen Seite Roſe erſt allmälig über das Gefühl, das ſie für den Grafen empfand, klar geworden. Die Anſprüche, welche Roſe an die Männerwelt ſtellte, waren nicht gering, und ſich in einen Mann zu verlieben, weil er, wie der Graf, hoch und ſchlank gewachſen war, ein ernſtes, nicht un⸗ ſchönes, von der ſüdlichen Sonne gebräuntes Geſicht, eine tiefe, freund⸗ liche Stimme hatte und ſich wie ein gebildeter Mann trug und be⸗ nahm, wäre ihr nicht in den Sinn gekommen. Sie ſelbſt war zu gebildet und zu idealiſtiſch, als daß ſie über den Mangel dieſer Eigen⸗ ſchaften bei einem Manne hätte wegſehen können, und der Graf ge⸗ hörte nicht zu Denen, welche ihr Wiſſen und Können gefliſſentlich zur Schau tragen. Einen angenehmen Eindruck hatte er wohl von vorn herein auf ſie gemacht; ſie hatte lebhaft gewünſcht, ihn wieder zu ſehen und doch auch nicht ohne einige Sorge: er werde das nicht halten, was er durch ſeine ſtattliche Erſcheinung verſprach, und ſie ſo um eine unſchuldige Täuſchung bringen. Nun aber fand ſie, daß das flüchtige, gefällige Bild, welches ſie ſich anfänglich von ihm gemacht, ſich mit jedem Tage vertiefte, mit jedem Tage bedeutender und ihr in demſelben Maße theurer und theurer wurde. Sie hatte ſich an⸗ fänglich gefreut, wenn er kam; bald fing ſie an, ſich darauf zu freuen, daß er kommen werde, und jetzt konnte ſie bereits recht ungeduldig werden, wenn er über die Stunde, in welcher ſie ihn erwartet hatte, ausblieb. Sie unterhielt ſich ſo gern mit ihm. Manchmal freilich ſtellte er recht wunderliche Behauptungen auf über Völkerrechte, Men⸗ ſchenwohl und Menſchenwürde und ähnliche Dinge, aber in ſeinen Ge⸗ danken und in den Empfindungen war nichts Kleinliches und Ge⸗ machtes; es war Roſen immer, als ob ſie, wenn ſie mit ihm ſprach, das Haupt höher erheben müßte und erheben könnte. Und dabei blickten ſeine Augen ſo viel ſcheue und doch ſo herzliche Bewunderung. Sie that Roſe ſo wohl dieſe Bewunderung, obgleich ſie ſich oft ſagte, daß ſie dieſelbe doch eigentlich nicht verdiene, aber freilich gern, ſehr gern verdienen möchte. Ihre Talente ſchienen ihr erſt jetzt einen Werth