Röschen vom Hofe. 17
„Es geht nicht anders,“ fuhr er fort,„ich hatte mir die Sache im Anfang nicht ordentlich überlegt; aber jetzt, nachdem ich den Brief der Herzogin geleſen, wiederhole ich: Du mußt. Sie hat an Dich geſchrieben, wie— wie eine Schweſter, eine ältere, liebevolle Schweſter; überdies iſt ſie krank, oder doch wenigſtens krank geweſen, und hedarf gewiß recht ſehr Jemandes, den ſie liebt, der ſo, wie mein kluges Mäd⸗ chen, das alle Bücher geleſen hat und ſo zierlich zu ſprechen weiß, ſie unterhalten und ihr die Einſamkeit weniger einſam machen kann. Man darf nicht immer an ſich denken, man muß auch einmal für die Freunde etwas thun können, man muß— mit einem Worte, Röschen, es thut mir leid, daß wir den Huſaren ſo haben wegreiten laſſen; Du mußt ſogleich, oder vielmehr: ich will ſogleich an ſie ſchreiben und ihr ſagen, daß Du übermorgen oder in acht Tagen etwa—“
„Oder ein ander Mal!“ unterbrach Roſe den Vater lächelnd;— „nein, Väterchen, wir wollen ihr keine Hoffnungen erwecken, die wir zu erfüllen nicht geſonnen ſind. Und dann, mein liebes Väterchen, ſeit wann haben wir denn vor einander Geheimniſſe? Wenn ich wirklich Dein kluges Töchterchen bin, wie Du mich ſo oft nennſt, ſo muß ich doch auch wiſſen, daß Du in dieſem Augenblicke nicht ſowohl an die Herzogin, als an Jemand denkſt, der Dir noch näher ſteht, deren Glück Dir noch mehr am Herzen liegt; daß Du mich, mit einem Worte, nicht ſowohl der Herzogin halber, als meiner ſelbſt willen fortſchicken willſt. Habe ich Recht, Väterchen, oder nicht?“
„Deren Glück mir noch mehr am Herzen liegt!“ murmelte Herr von Weißenbach;„ja, bei Gott, Roſe, das thut es! Aber wodurch beweiſe ich's denn? Was thue ich denn für Dein Glück? Iſt es ein Glück für ein junges Geſchöpf, wie Du, hier in dieſer Einſamkeit das Leben zu vertrauern, an der Seite eines alten wunderlichen Mannes, den die Welt, in die er ſich nie zu finden wußte, ſchließlich von ſich geſtoßen hat? Iſt es ein Glück für ein ſo kluges, geiſtreiches Geſchöpf, wie Du, zum einzigen Umgang einen alten Hypochonder zu haben, der freilich in der Einſamkeit und in der Abgeſchiedenheit von aller Geſellſchaft nichts vergeſſen kann, weil er nie etwas gelernt hat? Nein, nein, die Herzogin hat grauſam recht:„Dein Vater muß auch
Fr. Spielhagen's Werke. VI. 2


