Röschen vom Hofe. 15
Stimme war, wenn ſie aufrichtig ſein wollte, ſehr ſanft geweſen, ſo daß man eigentlich nicht wohl begreifen konnte, wie dieſelbe Stimme ſo laut:„Boncoeur ici!“ gerufen haben konnte.
Fräulein Roſe gab ſehr viel auf den Klang der Stimme, weil
„ſie ſich auf ihr feines und leiſes Ohr viel mehr verlaſſen konnte, als
auf ihr Auge. Uebrigens ſchien, wenn ſie ſich nicht, was ihr aller⸗ dings manchmal begegnete, geirrt hatte, der Ausdruck von dem Geſicht des Grafen dem ſanften Klang der Stimme nicht gerade zu wider⸗ ſprechen— eine hohe Stirn, eine gerade und feine Naſe, ſchön⸗ geſchnittene Augen, volle, nicht übervolle Wangen— Alles umrahmt von dunklem Haar und Bart.„Aber weßhalb hat er keinen Beſuch bei dem Vater gemacht? Er, als Fremder, kann doch nicht wiſſen, wie abgeſchloſſen und abweiſend Vater gegen die Menſchen iſt; ihm ſind wir doch nur Gutsnachbarn und Standesgenoſſen, denen er ſich bei ſeiner Ankunft vorſtellen mußte. Es freut mich jetzt recht, daß ich ihn ſo als Chatelaine und nicht als„Röschen vom Hofe“ empfan⸗ gen habe; es freut mich jetzt recht ſehr.“
Fräulein Roſe war ſo in ihre Gedanken vertieft, daß ſie die hohe ſchlanke Geſtalt eines alten Herrn, welcher ihr die Allee ent⸗ gegenkam, nicht eher bemerkte, als bis ſie ganz in ſeiner Nähe war. Den Vater ſo weit vom Hauſe, und noch dazu in dieſem Theile des Parkes zu ſehen, war etwas ſo Außergewöhnliches, daß Roſe, auf⸗ geregt, wie ſie durch die Begegnung mit dem Grafen ſchon war, ernſtlich erſchrak, und mit ſtürmiſcher Haſt dem Vater entgegenfliegend und ihre Arme um ihn ſchlingend, rief:„Was haſt Du, Väterchen? Eine ſchlimme Nachricht? Sag's nur gleich!“
Herr v. Weißenbach drückte den lockigen Kopf des Mädchens
zärtlich gegen ſeine Schulter und küßte ſie auf die Stirn.„Nichts
habe ich, lieb' Röschen; zum mindeſten keine ſchlimme Nachricht, und was ich habe, will ich Dir auch ſogleich ſagen. Komm, gieb mir Deinen Arm; wir wollen nach dem Hauſe zurück, aber, wenn ich bitten darf, in etwas langſamerem Tempo, als in welchem Du die Allee heraufkamſt, mein Wildfang. Wie das Wänglein glüht! Wie eine rothe Roſe, mein Röschen! Ich glaube, ſo ein Mädchenbild ſtand mir vor der Seele, als ich, nachdem Du geboren warſt, im


