Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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Röschen vom Hoſe.

Der Graf ſchaute ihr nach, ſo lange er ihr roſa Kleid zwiſchen den Stämmen der Bäume ſchimmern ſah, und ſtand noch ebenſo, als ſie bereits längſt verſchwunden war. Boncveur, der die Spur des Haſen im dichten Unterholz verloren hatte, kam mit verſtörtem Geſicht aus den Büſchen geſprungen und näherte ſich im Bewußtſein verletzter 8 Pflicht und offenbaren Ungehorſams reumüthig wedelnd ſeinem Herrn. Aber die verwirkte Strafe kam nicht; ja Boncveur mußte zuletzt ſeine Schnauze in die herabhängende Hand des Herrn ſtecken, um ſeine Rückkehr bemerklich zu machen. Selbſt dann gab es weder Schläge noch Scheltworte; der Herr nahm die Flinte von der Schulter, ſetzte die Hähne in Ruhe, hing ſie wieder über die Schulter, ſchritt den Hügel hinab und ſprang über den Graben. Boncoeur folgte ihm auf dem Fuße. Mit der Jagd war es offenbar vorbei, nachdem man eben erſt ein wenig warm geworden war. Boncoeur wußte nicht, was das zu bedeuten hatte.

Drittes Capitel.

Roſe eilte die Allee hinauf in einer Verwirrung, die ihr ſehr grundlos und thöricht erſchien, und von der ſie ſich doch durchaus nicht losmachen konnte. Sie ſchalt ſich wegen ihres abweiſenden Be⸗ nehmens dem Grafen gegenüber, der doch am Ende ohne ſeinen Willen ihr ſo nahe gekommen war, und als Fremder und zugleich als Nachbar wohl auf einen freundlicheren Empfang rechnen konnte. Und ſie wäre auch gewiß freundlicher geweſen, wenn das beleidigende Lächeln nicht um ſeinen Mund und in ſeinen Augen geſpielt hätte. Was hatte er zu lachen? Hatte ſie nicht alle Urſache, über eine ſo unerwartete und gewaltſame Störung ein wenig erſchrocken zu ſein? 8 Iſt es Cavalierſitte, Damen, die man beinahe todtgeſchoſſen hat, noch auszulachen? Aber ſeine Stimme hatte einen recht ſchönen Klang gehabt, ſo wie Roſe eine Männerſtimme liebte, tief und ſanft; ja die