Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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Röschen vom Hofe. ſchlagend. Aber ſie fing nicht gleich an zu leſen, ſondern ſchaute in die Ferne mit ſtarren Blicken, die ſich endlich auf das weißſchimmernde Schloß hefteten, vermuthlich, weil daſſelbe ihrem unbewaffneten Auge ſich als das am leichteſten erkennbare Object darbot. Sonſt hatte daſſelbe kein weiteres Intereſſe für ſie. Es ſtand ſchon ſeit einer Reihe von Jahren, ja, ſo lange Roſe zurück denken konnte, unbewohnt. Der alte Graf v. Lengsfeld war kurze Zeit, nachdem ihm ſeine Ge⸗ mahlin einen Sohn und Erben geboren, geſtorben. Die Wittwe, die ihren Gemahl ſchwärmeriſch geliebt hatte, war mit ihrem Knaben in die Einſamkeit eines ihrer preußiſchen Güter geflüchtet, und dort ſchon nach wenigen Jahren aus einem Leben geſchieden, deſſen Blüthe für ſie auf immer dahin war. Der junge Graf blieb in Preußen bei einem Onkel und Vormund, aus deſſen Familie er in eine Cadetten⸗ anſtalt trat, die ihn, nachdem er das nöthige Alter erlangt hatte, als Officier entließ. Indeſſen mußte er ſich in der Rolle eines Ver⸗ theidigers ſeines neuen Vaterlandes wohl nicht beſonders gefallen haben, denn ſchon zwei Jahre ſpäter, gleich nach dem unrühmlichen Feldzuge in Schleswig⸗Holſtein quittirte er den Dienſt und begab ſich auf Reiſen, von denen er jetzt nach Verlauf von zehn Jahren noch nicht zurückgekehrt war. Roſe wußte dies Alles zum Theil von ihrem Vater, zum Theil aus gewiſſen Unterhaltungen bei Hofe, wo man es unverzeihlich fand, daß der Abkömmling einer der älteſten und reich⸗ ſten Familien des kleinen Staates in Palmyra und Abu Simbel ſeine Zeit vergende, die er in der Nähe ſeines durchlauchtigſten Souverains ſo viel behaglicher und paſſender zubringen könne, ja zuzubringen ge⸗ wiſſermaßen moraliſch verpflichtet ſei. Aber die allergnädigſten Klagen, wenn ſie ihm anders je zu Ohren kamen, mußten keinen Eindruck auf den Abenteurer machen. Noch ſtand Schloß Lengsfeld leer, und Roſe

dachte in dieſem Augenblick daran. Mußte es doch auch da drüben

einſam ſein in den glänzenden Sälen und Bildergalerien, die ſie nur einmal als Kind in Geſellſchaft ihrer Mutter und einiger anderen

Damen geſehen zu haben ſich erinnerte. Das Schloß Lengsfeld rief

denn nun der jungen Dame daß Schloß des Grafen in Wilhelm

Meiſter zurück, in das ſie geſtern Abend mit dem Helden und ſeiner

wunderlichen Geſellſchaft eingezogen war. So nahm ſie das Leſe⸗