Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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10 Röschen vom Hofe.

ja zärtlichen Brief ſei. Dasvon dem Glück der Entfernung war wohl ganz geiſtreich, und ſie, die ihren Goethe ſo kennt, wird die Anſpielung ja auch verſtehen, aber ich hätte doch einen herzlicheren Ausdruck finden können. Und ſie hatte ſich ſo auf mein Kommen gefreutund wären es auch wenige Tage, lieb Röschen aber weßhalb mich wieder in die Welt miſchen, der ich entſagt habe?

Das junge Mädchen mußte lachen, als ſie dieſe Worte vor ſich hinmurmelte. Es durchzuckte ſie plötzlich das Bewußtſein ihrer Ingend, ihrer Kraft, vielleicht auch ein wenig die Ueberzeugung, nicht ohne alle Reize zu ſein; zu dieſem Vollgefühl des eigenen Werthes wollte denn doch die nonnenhafte Weltentſagungsfreudigkeit nicht ſo recht paſſen. Auch ſah ſie in dieſem Augenblick die Geſichter gewiſſer junger Hofcavaliere, die ſich früher in Huldigungen gegen die Lieblingin der Fürſtin gegenſeitig überboten hatten; und dieſe Geſichter lächelten ſo ſteptiſch, daß ſie ſelber mitlachen mußte. Aber ſie wurde eben ſo ſchnell wieder ernſt, ja ernſter, als zuvor. Es fiel ihr, ſie wußte ſelbſt nicht warum, mit einem Male die Wöchnerin ein, des armen Klaus Webers junges Weib, wie ſie ſie geſtern auf dem Strohlager in der ärmlichen Hütte geſehen hatte, kaum bedeckt mit einem geflickten wollenen Rock, das Neugeborne an der nicht eben vollen Bruſt. Wie hatte die Anne das Kind angeſchaut, mit einem Blick ſo voll der innigſten Liebe, ſo voll des ſeligſten Entzückens! wie deuil ich hatte dieſer Blick geſagt: trinke, Kind, mein Kind, es iſt mein Blut; aber du ſollſt es haben, Alles haben, bis auf den letzten Tropfen!

Roſe's große blaue Angen nahmen jene eigenthümliche Starrheit an, die einem Thränenerguß vorherzugehen pflegt; ihr Athem wurde ſchneller und ſchwerer, und in unruhigen Wogen hob und ſenkte ſich der ſchöne Buſen. Mit beiden Armen griff ſie plötzlich in die Luft, und bewegte ſie langſam gegen ihr Herz, als ob ſie ein geliebtes Lebendiges da weich betten wollte.

Die Viſion zog vorüber wie ein Sommerfädchen; aber Roſe lachte nicht wie vorhin; ſie ließ die Arme ſinken, ſtrich ſich dann über Stirn und Augen, ſeufzte, und ſetzte ſich auf die Bank, das Buch, welches ſie bei ſich hatte, mit einer gewiſſen Lebhaftigkeit, als wolle ſie ſich ſo ſchnell als möglich auf andere Gedanken bringen, auf⸗