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In der zwölften Stunde. 279
habe, als bis ich ſah, daß der Herr Baron in demſelben jämmerlichen Zuſtande war, und damit der Herr Baron glauben, daß ich eine ehr⸗ liche Frau bin, ſo ſollen Sie auch den Kaſten haben, in welchem das Buch gelegen hat.“
Bei dieſen Worten producirte Madame aus der umfangreichen Taſche ihres Kleides das Ebenholzkäſtchen und ſtellte es auf den Tiſch;„und die Schnurpfeiferein, die dabei waren und auf die ich nicht zehn Thaler leihen würde, wenn ſie mir als Pfand angeboten würden;“— hier griff Madame in die andere Taſche und legte ein paar Schmuckſächelchen auf das Käſtchen;„und nun iſt mein Gewiſſen ſo rein, wie das eines neugebornen Kindes.“
Ob das tröſtliche Bewußtſein ihrer hohen Moralität für Madame ſo überwältigend war, oder ob ihre aufgeregten Nerven ſich auch nur eine Erquickung ſchaffen wollten,— ſie fing bitterlich zu weinen an, und eilte, mit der einen Hand die Augen bedeckend und die andere zum Himmel erhebend, wie eine tragiſche Heldin, wenn ſie im fünften Acte Gift genommen hat, zur Thür hinans.
Sechszehntes Capitel.
„Und Alles das— um nichts!“
Ich glaubte, ihr Alles in Allem zu ſein, wie ſie mir Alles war. Ich war es nicht— und doch, wenn ich es nicht war, ſo war Alles ein wüſtes Faſtnachtsſpiel, in welchem man aus Verſehen den Freund erſticht und damit den tollen Scherzen ein fürchterliches Ende macht. Weßhalb iſt Frank Durham denn geſtorben? er brauchte nicht zu ſterben; ich war der Ueberflüſſige, der ſich unbeweint und unbelacht aus der Welt trollen konnte. Mein Gott, mein Gott, wohin iſt es gekommen? wollte ich denn etwas Anderes, als ſie glücklich ſehen? würde ich mich nicht ſtill in ihrem Glück geſonnt haben? würde ich ſie nicht geliebt haben, wie die Blume das Licht wie ich alles, was ſchön und gut iſt, geliebt habe, ſo lange ich denken kann? Thor, der ich war, eitler, blöder Thor, der ſich für unembehrlich hielt, als ob er der Heiland wäre für alle Schäden der Welt!— Aber iſt ſie weniger


