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In der zwölften Stunde. 277
„Wie kommen Sie zu dieſem Buch?“ wiederholte Sven, ohne auf die zarten Nerven der Angeredeten Rückſicht zu nehmen, in noch heftigerem Tone.
Frau Schmitz ſprang wie electrifirt von ihrem Sitze auf und rief:
„Jeſus Maria, Herr Baron! ich verſtehe ja kein Wort engliſch!“
„Gleichviel! Wie kommen Sie zu dieſem Buch?“
„Ich will ja Alles erzählen,“ rief Frau Schmitz, die Hände rin⸗ gend:„aber der Herr Baron müſſen mir verſprechen, mich nicht zu verrathen. Ich wäre eine ruinirte Frau, und ich habe ja doch nur Ihnen zur Liebe die Schreiberei wieder hervorgeſucht, die ich eben ſo gut hätte verbrennen können.“
„Ich verſpreche Alles, was Sie wollen, nur reden Sie,“ ſagte Sven.
„Sehen Sie, Herr Baron,“ fuhr Frau Schmitz fort und trocknete ſich mit dem Zipfel ihrer Schürze die Augen;„ich bin die ehrlichſte Frau der Welt und mein einziger Fehler iſt, daß ich an dem Schick⸗ ſale der Familien und einzelnen Herren, die bei mir wohnen, einen zu innigen Antheil nehme. Der Herr Baron mögen es mir nun glauben oder nicht, aber ich habe Ihrethalben ſchon vierzehn Tage lang nicht ſchlafen können, und mir die Augen faſt aus dem Kopfe geweint. Ich kann es nun einmal nicht laſſen: ich muß mit den jungen Leuten ſympathiſiren. Ich weiß es wohl: Jugend hat keine Tugend, aber du lieber Himmel, was man nicht laſſen kann, das muß man am Ende doch thun. So habe ich immer mit der armen Mrs. Durham ſympathiſirt, denn ſie iſt immer freundlich zu mir ge⸗ weſen und hat immer mit mir geſprochen, wie eine Dame mit einer andern Dame, und ſehen Sie, Herr Baron, darauf halte ich ſehr viel, denn—“
„Um Himmelswillen, weiter, weiter!“ rief Sven.
„Jeſus Maria, wie nervös der Herr Baron in Ihrer Krankheit geworden ſind! Ich bin ganz aus dem Tert gekommen. Ja, was ich ſagen wollte, ich gönnte es Mrs. Durham, daß ihr die Herren den Hof machten und beſonders Mr. Wesley, der damals auch hier wohnte und alle Tage mit ihr ſpazieren fuhr oder ging. Mr. Wesley, müſſen der Herr Baron wiſſen, war ganz toll und blind vor lauter


