Teil eines Werkes 
5. Band (1867) Clara Vere : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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In der zwölften Stunde. 249

für die übrige Welt verliert; bis das Edelſte im Menſchen, die Billigkeit, das Gefühl für Recht und Unrecht, in euch ſtumpf gewor⸗ den, und eure Menſchenliebe, aus der ihr ſo viel Weſens macht, einer dumpfen Selbſtſucht gewichen iſt, in welcher euch das Wohl und Wehe der Anderen nicht viel wichtiger erſcheint, als einem leichtſinnigen Knaben das Leben von Maikäfern und Schmetter⸗ lingen.“

„Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt; wenn Du Dich von Cornelien geliebt wüßteſt, würdeſt Du anders ſprechen.“

„Und Du auch, wenn Cornelie einen Andern liebte.“

„Aber ſie liebt nun einmal mich, und keinen Andern.“

„Soll ich Dir etwas ſagen, lieber Spen, auf die Gefahr hin, Deine Freundſchaft für immer zu verlieren? Ich glaube noch gar nicht, trotz alledem, was geſchehen iſt, daß dieſe Frau Dich liebt. Nein, ſieh mich nicht ſo zornig an, ſondern höre ruhig zu. Es lebt in dieſer Frau, wie auch in Dir, die Sehnſucht nach etwas unerreich⸗ bar Hohem, nach einem überſchwänglichen Glück, das ihr das Leben niemals gewährt hat, und auch niemals gewähren kann. Sie liebt ein Ideal, das ſie ſich aus ihrer ſouveränen Phantaſie erzeugt hat, und dem ſchließlich Du ſo wenig gleichſt, als irgend ein anderer vom Weibe Geborener. Der beſte Beweis dafür iſt, daß ſelbſt die Liebe ihres Gatten ihr nicht genügte. Du krümmſt verächtlich die Lippe, aber Du haſt Franc Durham nicht gekannt; ich habe ihn gekannt und ich ſage Dir! es war ein Mann, ein edelherziger, großmüthiger Mann, für den kein Weib zu gut war, und von dem ich keinen ein⸗ zigen Fehler weiß, als den, welchen er jetzt mit ſeinem Leben bezahlt hat, den Fehler, daß er ſein Weib zu ſehr liebte. Und nun will ich Dir eine Prophezeiung machen, ohne Merlin zu ſein: Die Reue, dieſen Mann, deſſen Werth ſie jetzt erſt erkennen wird, in den Tod getrieben zu haben, wird ſtärker und immer ſtärker bei Cornelien er⸗ wachen, und weit entfernt, daß ſie Dich, und wäre es nur in Ge⸗ danken, an ſeine Stelle ſetzte, wird ſie in Dir bald nichts weiter, als die Urſache einer ungeheuren Verirrung ſehen, die ſie des Gatten und ihre Kinder des Vaters beraubt hat.— Nun aber iſt es genug und über genug für heute. Nimm Deine Mediein zur rechten Zeit und