Teil eines Werkes 
5. Band (1867) Clara Vere : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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48 Clara Vere.

den Ställen des Lords, der ihm ſeinen ganzen Marſtall bereitwilligſt zur Verfügung geſtellt hatte, tagtäglich müde, wie weiland der nor⸗ diſche Alexander, dem er in der Zähigkeit und Unermüdlichkeit ſeiner eiſernen Natur glich. Vielleicht war etwas Unnatürliches in dieſer Spannung aller Kräfte, in dieſer fieberhaften Raſtloſigkeit!— Es war doch wohl etwas Gift in dem Becher, den ihn die Göttin in der kühlen Grotte trinken ließ, wenn auch der Zauber der Wunderblume, die ihm im einſamen Waldthale blühte, und die Menſchen und Götter ein reines Weib nennen, kräftiglich widerſtand. Ach! er wußte nichts von ſeinen Vorgängern; nichts von dem Giftbecher, den er trank; nichts von der Blume, die der Finger des Gottes berührt hat er war ein ſo kläglicher Neuling in der Liebe, daß er Clara Vere anbetete, und es nicht einmal ahnte!— Georg hatte es nicht gelernt, mit ſeinen Gefühlen zu ſpielen, und mit jeder wärmeren Empfindung ſelbſtgefällig zu liebäugeln. Seine Seele war wie ein reiner, friſch⸗ gefallener Schnee, in dem nicht ſchon Jeder beliebig ſeine Spur ab⸗ gedrückt hat. In dieſem Feuergeiſt konnte eine Leidenſchaft wüthen, und er wußte es ſo wenig, wie der Krieger im heißen Kampfgewühl der ſchweren Wunde achtet, bis ein ſtechender Schmerz ihn jäh durch⸗ zuckt, bis ſein Arm plötzlich erlahmt, und er erbleichend ſieht, daß er mit ſeinem eigenen Blute überſtrömt iſt.— In dieſer ſeiner Natur war er ſich ſelbſt nur ein Räthſel; täuſchte er faſt die kluge Lady Vere, die mit Erſtaunen ſah, wie dieſe Rieſennatur dem Gifte wider⸗ ſtand, die ſich in ſeine Unbefangenheit nicht zu finden wußte, die nicht begreifen konnte, wie Auge noch ſo kühn und frei um ſich ſchauen könne, auch nicht die leiſeſte Spur von Verwirrung ſich in ihm zeige, und im Anfang faſt an ihrer Kunſt verzweifelte, weil die Kennzeichen an dieſem Sohn des Waldes anders auftraten, als bei den girrenden Schäfern, die bisher zu ihren Füßen gelegen hatten— und nur ein treues Herz täuſchte ſich nicht!

Der Hochſommer in all ſeiner herrlichen Pracht lag jetzt auf Berg und Thal, auf Flur und Wald, und Hochſommer war es in Georg's Herzen. Ob er liebte, das wußte er nicht; aber, daß ihm das Leben noch nie ſo wunderbar herrlich, ſo lebenswerth erſchienen war,— das fühlte er.