Clara Vere. 47
jetzt, in den Ton ihrer ſonſtigen Unterhaltungen einlenkend, ſagte: „Wie melancholiſch iſt doch das einförmige Rauſchen des Nadelholzes, das der Natur unergründliches Geheimniß immer und immer wieder vor ſich hinmurmelt, und über dem unlösbaren Räthſel in tiefe Schwermuth verſinkt! Wohl hat das Laubholz eine viel articulirtere und beredtere Sprache: es flüſtert und ziſchelt und wispert, und dann erhebt es die Stimme, und es iſt, als nehme es jetzt einen Auf⸗ ſchwung, um aus tiefſter Bruſt herauszuſchreien, was es bedeutet und will— aber es kann's doch auch nicht— und ſchüttelt das Haupt, und ſeufzt und flüſtert weiter. Nein! es iſt nichts mit dieſer Muſik des Waldes, wie mit aller Muſik! Erſt in dem Wort des Menſchen offenbart ſich der Geiſt der Natur ganz; überall ſonſt verſucht er es nur: Gott iſt das Wort!“
Clara Vere verſtand nichts von Muſik; und ſie glich auch darin dem antiken Geiſte, daß die Plaſtik vernehmlicher zu ihr ſprach, als die Malerei, und ſie in der Malerei wiederum mehr auf die Zeich⸗ nung, als auf das Colorit ſah. Sie, die ſo fein in einem Drama den räthſelhafteſten Charakter zu entwickeln verſtand,— das Reich des Tons war ihr verſchloſſen; und ſie hatte die ſchönen Brauen ver⸗ ächtlich und unwillig zuſammengezogen, als ſie einſt in der Lectüre des Kaufmann von Venedig an jene bekannte Stelle kamen, wo Shakeſpeare ſein zermalmendes Urtheil ſpricht über die:„die nicht die Eintracht ſüßer Töne lockt.“
Siebentes Capitel.
Die Spazierritte im Park, und weiter in den Wäldern, waren jetzt keine Seltenheit. Georg hatte ihr ſo viel zu zeigen, Lady Vere war ſo begierig, ihre Beſitzungen kennen zu lernen,— Georg kam faſt nicht von dem Schloſſe und jagte ſeine beiden ſchönen Pferde, die ihm ſein Lord vor der Abreiſe als Füllen geſchenkt, und die er ſelbſt nach ſeiner Rückkehr zugeritten, und oft noch ein drittes aus


