Clara Vere. 45
liche Mädchen, das die Heimkehr des Odyſſeus erzählt, bald das leidenſchaftliche Weib, das den Zorn des Peliden ſingt.
Durfte Georg eitel ſein? galt ihm dieſer Blick? öffneten ſich nur für ihn dieſe beredten Lippen? hatte er einen Theil an dem erregteren Ton dieſer tiefen, weichen Stimme, in deren geheimnißvollen Klang er ſich Stunden lang in der Erinnerung verſenken konnte? Nichts berechtigte ihn zu einer Annahme, die ſeinem unbefangenen Weſen, dem ſehr wenig von eitler Selbſtgefälligkeit innewohnte, auch ſo ſchon fern genug lag. Lady Vere blieb in jedem Augenblicke die große, feine Dame; und wenn auch nur ihm gegenüber dieſes Marmorbild Leben bekam, ſo war es ja doch nur eine Gunſt des Zufalls, daß gerade er Zeuge ſein durfte ihrer reinen Begeiſterung, daß er ſich einen Zutritt erworben hatte zu dem Heiligthume, wo die ſchöne Be⸗ geiſterte betete, dem Tempel der Kunſt! Nein, er galt ihm nicht, dieſer Feuerblick! ſie ſchaute weit, weit weg über ihn hinaus in andere Regionen! Und doch, woher dieſe leidenſchaftliche Unruhe in ihm, die ſich nicht ziemt in den heiligen Hallen?— Mag doch das be⸗ geiſterte Auge der Prieſterin nur die Göttin ſchauen, iſt darum der Gläubige weniger in Gefahr, über der Prieſterin die Gottheit zu vergeſſen?
Aber es war nicht nur auf dieſem Gebiete, daß ſich die Beiden trafen. Georg war auf ſeine Weiſe nicht weniger ſelbſtſüchtig, wie irgend ein Anderer. Seine Abſicht war, Lady Vere nach und nach für ſeine großen Pläne zu intereſſiren, um ſo mehr, als Lord Vere, obwohl in früheren Jahren ein eifriger Jäger, von der Forſtver⸗ waltung gar nichts verſtand, und durchaus nicht einzuſehen vermochte, warum die Natur nicht Alles ſelbſt beſorgen könnte, und wozu um Alles in der Welt die Arbeiter ſollten, die ſo ſchweres Geld koſteten. — Er ließ Georg freilich freie Hand, und hütete ſich wohl, ihm offen ſeine geheime Widerſpenſtigkeit zu zeigen; aber er entſchädigte ſich dafür, wie für Alles, was er in Gegenwart unterrichteter Perſonen verſchweigen mußte, durch bedeutſame Winke und lange Abhandlungen, die er darum wohl ſeinen vertrauten Dienern,— zu denen zu ge⸗ hören, auch der Paſtor es ſich zur Ehre ſchätzte,— zukommen kieß, weil ſie die Einzigen waren, die ihn verſtanden, oder doch wenigſtens


