Clara Vere. 31
faſt am meiſten verwahrloſt. Ich denke der Einſamkeit und Lange⸗ weile hier am beſten entfliehen zu können, aber ſehen Sie ſelbſt, welches Chaos! Ich möchte gern zwiſchen den Büſten und Bildern und Büchern Ordnung ſchaffen; aber ich fühle zu wohl, daß ich allein nicht dazu im Stande bin. Rathen und helfen Sie mir, Herr Allen, der Sie ein ſo vortrefflicher Gelehrter und feiner Kunſtkenner ſind, und ſein Sie meines beſten Dankes verſichert.“
Georg ſah mit Schmerz, wie wüſt und unwirthlich jetzt der liebe Saal, in den er nie mit anderen Gefühlen getreten war, als mit denen der Gläubige in den Tempel tritt, ausſah.
Die Bücher ſtanden bunt durcheinander in den Schränken; keine Büſte war auf der rechten Stelle, und auf einem Tiſch hatte ſich eine auserleſene Schaar von Denkern und Dichtern der verſchiedenſten Zeitalter ein Rendez vons gegeben.— Die Stuckatur von der hohen Decke war an einzelnen Stellen herabgefallen und hatte die ſchwere Platte des eichenen Tiſches, an dem Georg ſo oft mit Lord Vere zu⸗ ſammen gearbeitet hatte, arg beſchäpigt. Georg brannte vor Begierde, dieſe Entweihung zu ſühnen; er war Lady Vere dankbar, daß ſie fühlte, wie er.
„Ich danke Ihnen, Mylady, für Ihr Vertrauen,“ ſagte er;„ich fürchte nur, daß Sie meine beſcheidenen Kräfte überſchätzen; doch iſt hier guter Wille nöthiger, als Kenntniſſe, und wahrlich, an meinem guten Willen ſoll es nicht fehlen.“
Als der junge Mann, den Urheber dieſes Frevels heimlich ver⸗ wünſchend, ſich zu den wohlbekannten Bücherreihen wandte, ahnte er nicht, daß Lady Vere ſelbſt die Urheberin eines nicht kleinen Theils dieſer Verwirrung war. Es hat ja Jeder ſeine unſchuldigen Mittel, ſeine Pläne in's Werk zu richten; und Lady Clara Vere de Vere's Pläne, und ſie hatte deren immer einen, auch mehrere auf ein Mal, wie Laune und Langeweile es gerade mit ſich brachten, waren ſchnell gefaßt und mit erfinderiſchem Kopfe ausgeführt.
„Sehen Sie dieſe Sammlung deutſcher Claſſiker, Her en ſagte ſie,„wie ſchade, daß meine Sprachkenntniſſe nicht weit über das Franzöſiſche und Italieniſche hinausreichen. Ich verſuchte vorhin, dieſe Goethe'ſche Ballade zu leſen; ich konnte nicht über den erſten


