192 Auf der Düne.
Tage eine andere geworden. Sie hat erkannt, daß das Leben in der Wirklichkeit, und das Leben in der Phantaſie zwei ſehr verſchiedene Dinge ſind, und das Leben in der Wirklichkeit auch ſeine ſchauerlich⸗ ernſten Seiten hat. Aber an Gerhardt's Seite iſt ihr Glück verbürgt. Er fühlt„die nie verſiegende Kraft im Buſen,“ von der unſer großer Dichter behauptet, daß ſie gleich nöthig ſei zum Erwerben und zum Bewahren. Die Art, wie er die letzte Schwierigkeit, die ſich ſeiner Verbindung mit Hedda in den Weg ſtellte, aus dem Wege räumte, iſt charakteriſtiſch für den Mann. Wider alles Erwarten nämlich gereichte ihm ſein Beruf in den Augen des alten Seelöwen keineswegs zur Empfehlung.„Ich bin Seemann,“ ſagte der Alte,„mit Leib und Seele, und Seemann ſein, ein herrliches Ding; aber für eine Frau iſt, an einen Seemann verheirathet ſein, ein böſes Ding. Ich möchte doch gern meinem geliebten, einzigen Kinde das Schickſal ihrer Mutter erſparen, die die ewige Angſt und Sorge um mich, den raſt⸗ loſen Seefahrer, vor der Zeit in's Grab gebracht hat.“ Und was erwiederte Gerhardt?„Herr Commandeur,“ ſagte er,„ich bin ein Mann, der nicht zum müßigen Grübeln, ſondern zum friſchen Schaffen und Wirken geboren iſt, und dem es wenig daran liegt, waran er ſchafft, wenn das Ding nur ehrlich iſt, und ſeine Kräfte vollauf be⸗ ſchäftigt. Würden Sie Ihre Tochter lieber einem Landmann geben? Ja? Gut! ſo werde ich aus einem Seemann ein Landmann. Mit Hedda kann ich in jedem Berufe glücklich leben, ohne ſie in keinem.“ Geſagt, gethan. Er hat ſeinen Abſchied genommen, und mit ſeinem eigenen Vermögen und Hedda's Mitgift in der Nähe von S. ein Landgut gekauft, deſſen eine Seite vom Meere beſpült wird,„daß der Papa auch ſegeln kann, wenn er zu uns kommt;“ ſagt Gerhardt. Hedda iſt jetzt in S. bei ihrer Tante. In einem Monat iſt ihre Hochzeit; ich werde ihr Brautführer ſein. Auch Clementine iſt dorthin gezogen, und lebt mit ihrem Kinde und einem Mädchen, das ſie vom Nedur mitgenommen hat, gänzlich zurückgezogen in einer ihr gehörenden Villa vor den Thoren der Stadt. Sie will Niemand ſehen, kaum Hedda oder Gerhardt; nur Doctor Deus, den Guſtav in dem Teſtamente, das er in der Nacht vor dem Duell aufſetzte, mit mir zum Vormund ſeines Sohnes erwählte, geht


