170 Auf der Düne.
arg,“ ſagte der gute Lootſencommandeur,„alle meine lieben Gäſte wollen uns verlaſſen. Was iſt denn das für ein großer Mann, von dem Ihr da ſprecht? Sagen Sie dem großen Manne, er ſolle hier⸗ her kommen, hierher nach dem Nedur, zum Lootſencommandeur Walter. Hören Sie, Paul! ſchreiben Sie ihm das nur gleich! Alle auf ein⸗ mal laſſen wir unſre Gäſte nicht fort. Nicht wahr, Hedding?“
Hedda aber declamirte:
„Denn auch Niobe, dem ſchweren Zorn der Himmliſchen ein Ziel, Koſtete die Frucht der Aehren
Und bezwang das Schmerzgefühl—“
das heißt in Proſa, meine Herrſchaften: Wenn Sie auch morgen oder übermorgen abreiſen wollen, ſo brauchen Sie deshalb heute nicht die Suppe kalt werden zu laſſen. Doctor Schwarz, darf ich um Ihren Arm bitten?
Nach Tiſche wurde in der Laube Kaffee getrunken, ſodann im Gartenſaal muſicirt.— Es war ein ſchöner Sommernachmittag; der Himmel blau, die Luft warm und labend, das Meer nur eben von kleinen Wellen gekräuſelt; die Schwalben flogen hoch, höher noch die Lerchen, die in dem Haidekraut und dem Dünengras des Nedur niſte⸗ ten. Es war ein Tag, wie Paul viele in der erſten Zeit ſeines Aufenthalts auf der Inſel erlebt hatte, und er dachte mit inniger Wehmuth jener Zeit— als einer längſt, längſt vergangenen. Von der unendlichen, namenloſen, weil unbewußten Seligkeit jener Tage, wo er die neuen Dinge und Perſonen ganz unbefangen auf ſich wir⸗ ken ließ, und durch ſie, wie in eine reinere balſamiſche Luft gehoben wurde, in der er voller und kräftiger athmete, reiner und zarter fühlte, heller und höher dachte— von dieſer Seligkeit war nichts mehr ge⸗ blieben. Das war noch dieſelbe Umgebung, das waren noch dieſelben Lieder, denen er von denſelben Platze aus lauſchte, es war diefelbe holde Sängerin, die ſie, jetzt neckiſch und tändelnd, jetzt ernſt und ſchwärmeriſch, wie der Geiſt der Compoſition es verlangte, mit ſüßer, einſchmeichelnder Stimme vortrug— und doch war Alles ſo anders, ſo ganz anders. Er hatte von dem Baum der Erkenntniß gegeſſen,


