158 Auf der Düne.
„Wahrlich, Hedda,“ ſagte Clementine lächelnd,„dieſe Frage kann nur die Liebe thun.“
„Die Liebe zu wem? Zu dem Lieutenant, der, wie Du ſagſt, ſo ſchön iſt, aber eben kein Genius, wie mich dünkt; oder zu Paul, der nach Deiner Meinung häßlich iſt, nach meiner Meinung aber ein wahrhaft geiſtreicher Mann?“
„Vielleicht zu Beiden.“
„Das müßte denn ſein; denn ſo viel iſt gewiß, der, den ich lieben ſollte, müßte die Eigenſchaften Beider in ſich vereinigen. Und übrigens haſt Du ſelbſt noch heute Nachmittag geſagt, es ſei unmög⸗ lich, Zwei zu gleicher Zeit zu lieben.“
„Und dabei bleibe ich auch; und darum hüte Dich!“
„Vor wem?“
„Vor Dir ſelbſt.“
Hedda lachte; aber als ſie kurz nachher auf ihr Zimmer gekom⸗ men war, ſchloß ſie hinter ſich ab; warf ſich auf ihr Bett, und brach in leidenſchaftliches Weinen aus.—
Sechsundzwanzigſtes Capitel.
Gerhardt war eines jener bevorzugten Kinder der launiſchen Mutter Natur, die einen unwiderſtehlichen Zauber auf Alle, mit denen ſie in Berührung kommen, ausüben. Paul, auf den dieſer Zauber ſtärker wirkte, als auf irgend Einen, glaubte dies anfänglich durch die einzige Schönheit des Mannes erklären zu können; er fand aber bald, daß die Urſache viel tiefer lag, daß der eigentliche Grund des ſo überaus wohlthuenden Eindrucks, den das Weſen Gerhardt's machte, ir der wunderherrlichen Harmonie zu ſuchen ſei, mit der ſich alle Anlagen deſſelben entwickelt hatten.— Sein Körper war groß und ſtark, und doch wieder ſo geſchmeidig und geſchlankig, daß das Auge nirgends durch ein Zuviel der Knochen oder Muskeln beleidigt


