Teil eines Werkes 
4. Band (1866) Auf der Düne : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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146 Auf der Düne.

Dreiundzwanzigſtes Capitel.

Clementine war kaum im Hauſe angelangt, und hatte nur eben Zeit gehabt, nach ihrem Kleinen zu ſehen, der von der Angſt und Aufregung der großen Leute nichts wußte, da ihn der brüllende Donner in ſeinem feſten Kinderſchlaf nicht ſtören konnte, als ihr Mädchen hereinſtürzte und ſie eiligſt zu Fräulein Hedda zu kommen bat. Sie ging ſogleich hinauf und fand die Freundin auf dem Beite liegend, während das andere Mädchen ſich um ſie bemühte, oder, richtiger geſprochen, in der doppelten Angſt vor dem Gewitter und um ihre junge Gebieterin die Hände rang und wehklagte. Clementine erfuhr nun von der einen und der andern, daß der Lootſencomman⸗ deur in dem Sturme ausgefahren, und für ſein Zurückkommen nicht die mindeſte Hoffnung vorhanden; Hedda aber ihrerſeits eine viel zu gute Tochter ſei, als daß ſie den Tod ihres Vaters überleben könnte— und was dergleichen Prophezeihungen denn mehr waren. Sie ſcheuchte die beiden Unglücksraben fort, und ſetzte ſich zu Hedda an's Bett. Sie ſah alsbald, daß der Zuſtand derſelben ſich in nichts von den leichten Ohnmachten unterſchied, denen ſie nach großen körperlichen Anſtren⸗ gungen oder Gemüthserregungen unterworfen war; und ſo wandten ſich ihre Gedanken bald wieder auf die Geſchichte, die ſie ſo eben von dem armen Mädchen drüben gehört, und die ihr mit fürchterlicher Klarheit die Unwürdigkeit des Mannes, dem ſie ſo feſt vertraut hatte, und den Abgrund, an dem ſie ſorglos gewandert war, enthüllte.— Frauen urtheilen meiſtens ſehr mild über die leichtſinnige Vergangen⸗ heit eines Mannes, den ſie lieben, freilich nur unter der Bedingung, daß für ihn in der neuen Liebe ein neues Leben beginnt. Je flatter⸗ hafter er war, deſto mehr fühlen ſie ſich durch ſeine gegenwärtige Beſtändigkeit geſchmeichelt, denn er erhebt ſie dadurch über alle ihre Schweſtern; deſto tiefer empört ſie aber auch eine neue Treuloſigkeit, denn er ſagt damit klar: du biſt nicht beſſer, als alle Anderen auch. — Liebte Clementine jenen Mann? Sie mußte wohl; wie hätte ſonſt ſeine Unwürdigkeit ſie ſo ſchmerzlich berühren können? Herr