36 B Auf der Düne.
„Wann haben Sie Zeit?“
„Gleich jezt.“
„So kommen Sie in den Gartenſaal; ich will ſehen, ob Sie ebenſo gut ſchreiben wie leſen können.“
Ueber dieſem Geſpräche war die Sonne aufgegangen; dann trafen ſie ſich im Gartenſaal, und nachdem ſie noch einige Minuten lang durch die geöffnete Glasthür die kühle, friſche Morgenluft eingeathmet und auf das Meer hinausgeſchaut hatten, das heute nur eben von ganz leichten Wellen gekräuſelt war, ſetzte ſich Paul, etwas fröſtelnd, an den Tiſch und ſchrieb, während Hedda wohlgemuth im Saale auf⸗ und abſchritt, im Vorbeigehen ein paar Accorde auf dem Clavier griff, oder die erſten Worte einer Arie ſang, und zwiſchendurch dictirte.
Seit dieſem Morgen ging es dem jungen Mann, wie Hedda, als ſie das Bild in dem Kinderbuche geſehen hatte. Er konnte nicht mehr ſchlafen, ſobald er das Schließen ihrer Thür und ihren leichten Schritt auf dem Flur gehört hatte; und ſo kam es, daß die beiden jungen Leute oft ſchon ſtundenlang beiſammen geweſen waren, bevor Clementine, von ihrem acht⸗ oder neunſtündigen Schlaf, ſcheinbar wie von einer ebenfo langen Fußwanderung, ermüdet erſchien, nach einem flüchtigen„guten Morgen“ ſich in die Sophaecke ſinken ließ, und „allmälig zur Beſinnung kam,“ wie ſie ſelber ſagte. Dann hatte Hedda oder Paul, die ihre Unterhaltung ungezwungen fortſetzten, einen beſonders guten Einfall, über den Clementine lachen mußte, und nun richtete ſie ſich aus ihrer Ecke auf, ſah die Beiden zum erſten Male mit ihren großen blauen Augen freundlich an, und miſchte ſich, ihre Taſſe ergreifend, die ihr Hedda bei ihrem Eintreten zurecht gemacht hatte, in die Unterhaltung.
„Wie viel Bände habt Ihr heute Morgen ſchon geleſen, Kinder?“ fragte ſie dann wohl.
„Noch keine Seite, Couſine; wenn Sie aber wünſchen, können wir ſogleich anfangen. Nicht wahr, Fräulein Hedda?“
„Ich bin bereit, Voiſin.“
„Bewahre; es war ja nur mein Scherz. Ihr wißt, ich finde wenig Geſchmack an der Lectüre; Ihr müßtet denn etwas recht


