Auf der Düne. 6 35
vor den Pflug ſpannten, im grasgrünen Vordergrunde. Aber es machte einen großen Eindruck auf mich. Und am nächſten Morgen ſtahl ich mich aus meiner Kammer, und ſah aus der Bodenluke zum erſten Mal über die Gärten und Wieſen der Stadt, in welcher unſere Penſion lag, die Sonne aufgehen. Seitdem kann ich nicht mehr ſchlafen, wenn das Morgenroth, wie jetzt, am Himmel ſteht.“
„Und was beginnen Sie bis zu der Zeit, wo wir andern Sieben⸗ ſchläfer munter werden?“
„O, die Zeit vergeht mir ſchnell genug; meiſtens leſe ich, oft aber auch nicht. Ich ſtricke oder ſticke, aber das iſt nur, um die Hände zu beſchäftigen; ich denke unterdeſſen an ganz etwas Anderes.“
„Woran zum Beiſpiel?“
„An Tauſenderlei; ich weiß ſelbſt nicht an was Alles; ich habe oft ſchon gemeint, es iſt Schade, daß Du nicht ein Gelehrter oder Dichter biſt, was für ſchöne Bücher wollteſt Du ſchreiben.“
„Verſuchen Sie es doch einmal.“
„Das werde ich wohl bleiben laſſen.“
„Warum?“
„Weil ich nicht ſchreiben kann.“
„Sie meinen, wie Goethe oder Leſſing.“
„Nein, wie ein Schulmädchen, wenn es nicht von ſeinem Lehrer geſcholten ſein will. Die Mechanik des Schreibens fällt mir, ich weiß nicht weshalb, entſetzlich ſchwer; wenn ich eine Seite geſchrieben habe, kann ich die Feder kaum noch halten, und dabei vermag kein Menſch meine Kritzelei zu leſen, und ich ſelbſt nicht eine halbe Stunde nachher.“
„Da müſſen Sie es wie die großen Herren machen und dictiren; ich ſtelle mich Ihnen während der Zeit meines Hierſeins als treuer Secretair ganz zur Dispoſitivn.“
„Ich nehme Sie beim Wort.“
„Das hoffe ich.“
„Da könnten Sie mir gleich ein paar Gedichte aus den Büchern ausſchreiben, die ich heute meiner Freundin Olga in die Stadt zurück⸗ ſchicken muß.“
„Mit dem größten Vergnügen.“
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