Auf der Düne. 5
erfuhr, Clementine heißt, mit wenigen herzlichen Worten um einen möglichſt langen Beſuch bat. Auch für einen freundlichen Empfang von Seiten ihres einjährigen Söhnchens, der auch zugleich, und nicht blos zufällig, mein Namensvetter ſei, glaubte ſie, einſtehen zu können.
Nun frage ich Dich, ob ich, der ich noch ſo eben mit der ganzen Sentimentalität eines Freiligrath'ſchen ausgewanderten Dichters nach einem Weſen, an deſſen Bruſt ich mein Haupt legen könnte, ge⸗ ſchmachtet hatte, bei der Neugier, meine junge Couſine, die mir, nach den paar Zeilen ſchon, ſehr liebenswürdig erſchienen war, kennen zu lernen; bei der angenehmen Ausſicht auf das Meer und ein wochen⸗ langes Leben auf demſelben, welche mir Guſtav's Vorſchlag eröffnete — ob, ſage ich, bei ſo vielen Beweiſen uneigennütziger Liebe kalt zu bleiben, nicht unfreundlich, unverwandtſchaftlich, ja unmenſchlich ge⸗ weſen wäre.
So waren wir denn einige Stunden darauf an Bord des Kutters, wie Guſtav das ſchöne große Segelboot nannte, das uns an dem Stranddorf W.(dem Hafen unſrer Stadt, wie du weißt) erwartete, eingeſchifft; und da wir nur vier Meilen zu ſegeln hatten und der Wind friſch aus Oſten, wie wir ihn brauchten, blies, ſo hofften wir noch vor Sonnnenuntergang an Ort und Stelle anzukommen. Aber Poſeidon hatte es anders beſchloſſen. Erſt hieß er den Oſt ſchweigen, und den Weſt ſeine Stimme, und zwar ziemlich laut, erheben; darauf gebot er allgemeine Stille, die dem Schiffer unter dem Namen Wind⸗ ſtille ebenſo Bekannt wie verhaßt iſt. Mir für mein Theil war alles recht. So lange der Wind blies, freute ich mich der prächtigen, ſchaumgekrönten Wellen, und hatte mit dem Beobachten des Himmels und des Meeres und der Ufer, und der braunen Matroſengeſichter, und der Seevögel, die wit auf unſerer raſchen Fahrt aufjagten, ſo viel zu thun, daß ich nicht einmal Zeit fand, meinen Homer aufzu⸗ ſchlagen, den ich eigens in der Abſicht zu mir geſteckt hatte, mir die Umterſchiede zwiſchen dem antiken und modernen Segeln am Rande zu notiren. Und als gegen Sonnenuntergang der Wind ſich gänzlich legte, und ein goldner Abend ſtill und hehr auf die erregte See her⸗ abſank, war ich ſchon ſo gut ſeemänniſch geſinnt, daß ich dem alten Matroſen am Steuer beim Handhaben ſeines ſchweren Ruders ſtunden⸗


