Dritter Band. 179
Jwanzigſtes Capitel.
Oswald hatte während des ganzen Tages Bruno's Bett nur auf Augenblicke verlaſſen, nachdem er von jener denkwürdigen Unter⸗ redung mit Helene zurückgekommen war. Er hatte in der Pflege des lieben Kranken ſich ſelbſt zu vergeſſen geſucht.
Bruno ſelbſt vergaß ſeine Schmerzen, als ihm Oswald erzählte, er habe Helene geſprochen und den Brief in ihre Hände gelegt; ja er bemerkte nicht einmal Oswald's bleiches Geſicht und verſtörtes Weſen.
„Nun iſt Alles gut,“ rief er, jetzt weiß ſie, woran ſie iſt. Jetzt können ſie ihr nichts mehr anhaben; jetzt iſt ſie auf ihrer Hut. O, der eine Gedanke ſchon hat mich geſund gemacht.“
Leider war das aber nicht der Fall. Die Schmerzen in der Seite ſtellten ſich ſchon nach wenigen Momenten mit deſto größerer Heftigkeit wieder ein. Oswald hoffte mit Beſtimmtheit, daß Doctor Balthaſar ſein Verſprechen halten und im Laufe des Vormittags kommen werde. Aber der Vormittag verging und kein Doctor ließ ſich ſehen. Bruno's Zuſtand wurde nicht ſchlimmer, aber auch nicht beſſer, und Oswald war zu ſehr Laie, um ſich zu ſagen, daß ein Zuſtand, der nicht beſſer wird, ſich eben verſchlimmert. Indeſſen ließ es ihm keine Ruhe, bis gegen Mittag, wo der Arzt noch immer nicht gekommen war, ein reitender Bote in die Stadt geſchickt wurde. Der Bote brachte freilich die von Doctor Balthaſar verordnete Einreibung aus der Apotheke mit, meldete aber, daß der Doctor ſelbſt nicht in der Stadt geweſen ſei, und Doctor Braun erſt heute Abend zurückkommen würde. Er ſei ſelbſt in der Wohnung des Letzteren geweſen und habe dem Mädchen geſagt, daß der Herr Doctor, wenn irgend möglich, doch ja noch kommen möchte. Oswald war dem verſtändigen Menſchen, der ſelbſt an Bruno's Krankheit den lebhafteſten Antheil nahm, ſehr dank⸗ bar für dieſe Umſicht. Er athmete ordentlich auf, als er hörte, daß
Braun, zu dem er ein felſenfeſtes Vertrauen hatte, nicht mehr fern 12*


