178 Problematiſche Naturen.
hat gar nichts dagegen; au contraire, iſt bis über die Ohren in ihn verſchoſſen. Iſt das nicht allerliebſt?“
„Von wem haſt Du denn dieſe Mordgeſchichte, Cloten?“ fragte Adolf von Breeſen.
„Aus ſehr guter Quelle;“ erwiederte Cloten mit einem bedeu⸗ tungsvollen Zwinkern nach der Gegend des Saales, wo eben Emilie von Breeſen, mit Helene ſprechend, ſtand.
„Hm, hm!“ ſagte Breeſen.
„Die Geſchichte iſt nicht unwahrſcheinlich,“ meinte von Sylow. „Nun erklärt ſich die Leichenbittermiene, die Grenwitzens heut' ohne Ausnahme machen.“
„Ich ſagte ja gleich, daß hier irgend etwas los ſei;“ meinte von Breeſen.„Es iſt mir übrigens ſehr lieb, daß ich mich mit dem Burſchen nicht tiefer eingelaſſen habe, wozu ich anfänglich— ich ge⸗ ſtehe es offen, wirklich einige Luſt hatte. Der Menſch hat wirklich etwas ungemein Beſtechendes.“
„Er ſchießt famos,“ ſagte Sylow nachdenklich.
„Famos oder nicht,“ ſagte Cloten;„ich glaube gar, Ihr Herren, wir laſſen uns ſo viel von dem Menſchen gefallen, weil er nicht ſchlecht ſchießt. Nein, Ihr Herren, das geht nicht, geht wahrhaftig nicht! Ich ſchlage vor, wir ſuchen unſern Fehler wieder gut zu machen und behandeln den Menſchen, wenn er ſich wieder unter uns blicken läßt, mit der inſigneſten Geringſchätzung— wahrhaftig!“
„Auf Ehre!“ ſagte von Grieben,„Cloten hat Recht. Ich werde den Burſchen das nächſte Mal mit der Reitpeitſche tractiren.“
„Schade, daß er nicht hier iſt, damit Sie Ihre Drohung gleich in Anwendung bringen können;“ ſagte von Breeſen ironiſch.
„Quand on parle du loup“— ſagte von Sylow;„da kommt er ja! Und ſein Pylades Oldenburg natürlich bei ihm!“
Wirklich zeigten ſich in dieſem Augenblick durch die weitgeöffnete Flügelthür Oswald und Oldenburg in dem Nebenzimmer. Sie ſprachen einige Minuten mit einander; dann trat Oldenburg in den Saal, während Oswald von dem alten Baron draußen feſtgehalten wurde.


