le Baroni
Dritter Band. 39
Nr. 8. Sieh, ſieh, mein Lieber; alſo auch eiferſüchtig können Sie ſein! wer hätte dem Baron Harald von Grenwitz ſolche bürger⸗ liche Schwächen zugetraut! Ich ſoll eine andere Wohnung beziehen; weshalb? Damit ich im Winter nicht vor Froſt und im Sommer vor Hitze umkomme; nicht alle Tage ein paar Mal Gefahr laufe, mir auf den engen, ſteilen Treppen den Hals zu brechen? bewahre! nur weil die Madame Schwarz, bei der ich wohne, dem gnädigen Herrn nicht gefällt, und weil der gnädige Herr in Erfahrung gebracht hat, daß ein junger Franzoſe, ein Monſieur d'Eſtein, mit mir auf dem⸗ ſelben Flure wohnt, daß ich mit beſagtem Monſieur auf einem ſehr vertrauten Fuße ſtehe, ja mit demſelben, ſelbſt des Adends ſpät, Arm in Arm, auf der Straße geſehen worden bin! Entſetzlich! Aber, im Ernſt, theuerſter Harald, Sie haben wahrlich keine Urſache, ſich zu beklagen. Die Madame Schwarz iſt eine ſehr ehrbare, ausgezeichnete Frau, der ich unſäglich viel verdanke, und die, ſo lange ich denken kann, eine Mutter für mich geweſen iſt; und was Monſieur d'Eſtein anbetrifft, ſo wird Ihre Eiferſucht ſich wohl wieder ſchlafen legen, wenn ich Ihnen ſage, daß es derſelbe kleine, ältliche Herr iſt, an deſſen Arm Sie mich zum erſten Mal im Thiergarten fahen. Mon⸗
ſieur d'Eſtein könnte den Jahren nach mein Vater ſein, wie er denn
auch der Freund meines Vaters war. Er ſtammt wie wir aus einer Familie franzöſiſcher Refugiés und wäre wohl ſchon längſt in das geliebte Land ſeiner Väter zurückgekehrt, da er hier gar keine Ver⸗ wandte, ja nicht einmal Freunde hat, wenn er nicht fürchten müßte, dort, wo alle Welt die Sprache ſpricht, in der er hier Unterricht er⸗ theilt, Hungers zu ſterben. Er iſt ſehr wunderlich, aber das bravſte Herz von der Welt. Er würde für mich durch's Feuer gehen und au désespoir ſein, wenn er nur die leiſeſte Ahnung von unſerem Verhältniſſe hätte.— Dies Alles würde ich Ihnen ſchon geſtern Abend geſagt haben; aber ich wollte einmal ſehen, ob Sie auch Widerſpruch vertragen könnten. Sind Sie jetzt zufrieden! Au revoir, Monsieur
Votre très-méchante Marie M.
„Dies iſt die einzige Notiz über dieſen Monſieur dEſtein,“ ſagte Albert, den Brief auf den Schooß ſinken laſſend und nachdenkend


