Teil eines Werkes 
3. Band, Problematische Naturen : Roman : 3. Band (1866)
Entstehung
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4 Problematiſche Naturen.

Sollte die Schönheit der Sängerin nicht die Reinheit des Ur⸗ theils in etwas trüben?

Nein, ich verſichere Sie, daß ich ganz objectiv urtheile; obgleich ich gern zugebe, daß eine ſo dämoniſche Schönheit mehr in das Reich

der Träume, als in die reale Welt zu gehören ſcheint.

Der Doctor hatte ſich in Oswald's Lehnſtuhl geſetzt und blies den Rauch der Cigarre, die er ſich eben angezündet, in blauen Wol⸗ ken durch das offene Fenſter.

Es iſt eine Schönheit, ſagte er,die einen Maler zur Verzweif⸗ lung bringen könnte, weil ſie ſich gerade in ihrer duftigſten Blüthe durch Linien und Farben gar nicht mehr ausdrücken, ſondern ſich nur in Muſik überſetzen läßt. Ich wollte Beethoven hätte ſie geſehen, oder Robert Schumann; und dann ſollten Sie die geiſterhafte, dämnniſche Com⸗ poſition hören, zu welcher dieſe Erſcheinung die Beiden begeiſtert hätte. Aber, wer von uns Beiden iſt denn nun der Schwärmer? fragte Oswald lächelnd;Sie oder ich?.

Sie, ſagte der Doctor, denn der höchſte Grad der Extaſe iſt tiefes Schweigen. Wer noch Worte für ſeine Begeiſterung findet, hat

die Zügel noch in der Hand. Und dann kann ich ein ſchönes Mäd⸗ chenbild ſehen, und auch dafür ſchwärmen, ohne daß mir, wie Sie ſehen, die Cigarre auch nur einen Grad weniger gut ſchmeckte. Sie aber ſind im Stande, darüber Eſſen und Trinken und Alles zu ver⸗ geſſen und ſich, Hals über Kopf, in die Charybdis Ihrer Begeiſte⸗ rung zu ſtürzen, ohne auch nur daran zu denken, ob Sie im Stande ſein werden, jemals wieder zum roſigen Lichte aufzutauchen.

Wiſſen Sie das ſo gewiß?

Ganz gewiß; ich habe Ihnen in der letzten Zeit ein eingehen⸗ des Stubium gewidmet, und gefunden, daß Sie eines der vortreff⸗ lichſten Exemplare einer in unſeren Tagen ziemlich weit verbreiteten Species generis humani ſind, Nachkommen des weiland vom Teufel geholten Doctor Fauſtus, Fauſtuli posthumi, ſo zu ſagen, die den langen Docentenbart abgeſchnitten, auch nicht im romantiſchen Ritter⸗ coſtüm, ſondern einfach im modernen Frack einherſpazieren; im Uebri⸗ gen aber auf gut fauſtiſch von Begierde zu Genuß taumeln, und im. Genuß nach Begierde verſchmachten.