Problematiſche Naturen.
an der Seite dieſes Mannes, da wollte ich auch beten: nun, Herr, laſſe Deinen Diener in Frieden fahren.— Aber da ſind wir ja ſchon am Thore. Nun, wohlſchlafende Nacht, junger Herr! Wenn Sie morgen früh vielleicht eine Antwort auf den Brief von der gnädigen Frau fertig haben, ſo will ich einen Büchſenſchuß weiter in den Wald hinein zwiſchen fünf und ſechs darauf warten. Die gnädige Frau würde ſich doch freuen, wenn Sie recht bald ſchrieben.
„Ich werde pünktlich um fünf dort ſein,“ ſagte Oswald.
„Na, auf eine halbe Stunde kommt es ſchon nicht an,“ ſagte der alte Baumann, ſein Pferd beſteigend.„Die Poſt geht nicht vor acht Uhr, und bis dahin bin ich mit dem Brownlock zweimal hin und zu⸗ rück. Ich wünſche nochmals wohlſchlafende Nacht.“
Der alte Mann faßte ſalutirend an ſeine Mütze, lenkte den Brown⸗ lock herum und trabte durch die Tannen zurück nach Berkow.
Oswald eilte auf ſeine Stube, ohne Jemand zu begegnen, da die Geſellſchaft von ihrem Spaziergang noch nicht heimgekehrt war. Mit zitternder Hand öffnete er den Brief und durchflog ihn mit athem⸗ loſer Haſt, um ihn dann langſam wieder und wieder zu leſen, wie man Briefe lieſt, von denen jedes einzelne Wort uns berührt, wie ein Kuß von geliebten Lippen.
Als er ſich ſpät am Abend hinſetzte, die Antwort zu ſchreiben, ertönte derſelbe Geſang, der ihn geſtern Abend in ſo überſchwängliche Begeiſterung verſetzt hatte; heute aber ſchloß er das Fenſter, denn er fühlte, daß ſeine Bewunderung für das ſchöne Mädchen doch im Grunde ein Verrath an ſeiner Liebe zu Melitta ſei, obgleich er na⸗ türlich, nach Menſchen Weiſe, die anklagende Stimme ſeines Gewiſſens möglichſt zu überhören verſuchte.
Ende des zweiten Bandes.


