Zweiter Band. 185
Auch der alte Baron war auf das Angenehmſte überraſcht, als er heute au Oswald einen aufmerkſamen Zuhörer der langen Ge⸗ ſchichte ſeiner kleinen Leiden fand. Er hatte Oswald, der ihn ſtets mit vieler Höflichkeit behandelt hatte, im Herzen immer für einen braven und liebenswürdigen jungen Mann gehalten, trotz des ent⸗ ſchiedenen Widerſpruchs ſeiner Anna⸗Maria und der mindeſtens zwei⸗ felhaften Zuſtimmung des Paſtors Jäger; und er war ordentlich froh, daß er dieſer Geſinnung heute, wo auch die Baronin ſie zu theilen ſchien, endlich einmal einen Ausdruck geben konnte. Ueberhaupt ſchien die Reiſe einen ſehr günſtigen Einfluß auf die Baronin gehabt zu haben. Mademoiſelle Marguerite, der man in dieſer Beziehung wohl ein Urtheil zutrauen durfte, behauptete gegen Albert,„ſie iſt verändert totalement, ſie hat mich nicht geſcholten ein einziges Mal den ganzen Tag;“ worauf der ſinnige Albert erwiederte:„ja, ich finde ſelbſt, der alte Drache iſt heute beinahe genießbar.“ Mit einem Worte, es herrſchte heute ein ſo gutes Einvernehmen, wie noch nie in der Ge⸗ ſellſchaft auf Schloß Grenwitz. Jeder ſchien die Gründe, die er hattte, mit Dieſem oder Jenem weniger zufrieden zu ſein, vergeſſen oder doch in den Hintergrund geſchoben zu haben. Die Motive, die dabeitmgß⸗ gebend waren, mochten allerdings für die Einzelnen ſehr ve ſein; da aber das Reſultat für Alle angenehm war, ſo na bereitwilligſt für baare Münze, was der Andere dafür bot— r⸗ lich, um ſich das Recht zuzuſprechen, Jenem mit derſelben Münze zu bezahlen.
Oswald hatte die Begegnung mit Fräulein Helene am Morgen nicht vergeſſen und ſich des Eindrucks, den er dabei auf die ſtolze,
junge Dame gemacht haben niußte, wohl bewußt, ſah er es nicht un⸗
gern, daß ihm im Laufe des Tages mehr als eine Gelegenheit wurde, ſeine natürlichen Vorzüge geltend zu machen. Bei Tiſche um eine Er⸗ zählung deſſen, was ihm während der Abweſenheit der Familie be⸗ gegnet war, gebeten, gab er eine Schilderung ſeines einſamen Lebens
in Saſſitz, wobei er ſich eine halb humoriſtiſche und halb ſentimentale Rolle zutheilte, natürlich ohne das romantiſche Dunkel, welches über
ſeinem dortigen Aufenthalte lag, im mindeſten zu lüften. Die derbe
Mutter Karſten wurde zu einem Heldenweib, ihre rothhaarigen Töchter


