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182 Problematiſche Naturen.
Oswald ſchlenderte langſam dahin, die reizenden Einzelnheiten des wonnigen Morgens mit allen Sinnen genießend, heute um ſo mehr, als die Lieblichkeit, die ſanfte Schönheit, die ihn hier rings umher anlächelte, gar ſeltſam mit der öden Monotonie der Meeres⸗ küſte, die er in der letzten Zeit beſtändig vor Augen gehabt hatte, contraſtirte. Heute Morgen war es ihm beinahe unbegreiflich, wie er ſich von ſeiner düſtern Laune ſo ganz habe beherrſchen laſſen können. Der Doctor hatte Recht: die Einſamkeit iſt ein ſüßes berauſchendes und zuletzt tödtliches Gift. Ich muß den Doctor öfter zu Rathe ziehen. Ein klarer Kopf, der die Dinge und Menſchen und Verhältniſſe ſtets in dem rechten Lichte ſieht. Aber in Betreff der zwiſchen Fräulein Helene und ihrem Vetter projectirten Heirath irrt er ſich doch. Erſtens iſt ſie noch viel zu jung, zweitens iſt ſie viel zu ſchön und drittens will ich es nicht! Hören Sie, Madame la Baronesse: ich will es nicht! Sie werden Ihr ſauberes Projeet nicht ausführen, wenn Sie auch noch ſo ſehr mit Ihren großen herrſchſüchtigen Augen rollen und ſich zu Ihrer ganzen ſtattlichen Höhe emporrichten.
Es war ein Glück, daß Oswald dieſe Worte nicht pathetiſch in den ſtillen Garten hineindeclamirte, ſondern nur leiſe durch die Zähne mupmelte, denn wie er eben um eine Ecke des Walles bog, die durch ein dichtes weit vorſpringendes Gebüſch noch ſchärfer gemacht wurde, fand er ſich plötzlich Fräulein Helene, die von der andern Seite kam, gegenüber. Dies Zuſammentreffen war für beide Theile ſo über⸗ raſchend, daß das junge Mädchen nur mit Mühe einen leiſen Schrei unterdrückte, und Oswald, ſehr gegen ſeine Gewohnheit, geradezu verlegen wurde und nicht wußte, ob er die junge Dame anreden, oder grüßend ſtumm vorübergehen ſolle.
Aus dieſem Zweifel wurde er durch Fräulein Helene befreit, die es vielleicht ganz begreiflich fand, daß der junge Hauslehrer, von deſſen Unterhaltungsgabe ſie geſtern Abend keine beſonders große Meinung bekommen hatte, nicht die Geiſtesgegenwart habe, aus dem Stegreife eine Converſation zu beginnen; und deshalb glaubte, daß eine harmloſe Bemerkung ihrerſeits über den ſchönen Morgen das für die Situation Paſſendſte ſein dürfte.
„Der ſchöne Morgen hat Sie auch herausgelockt, wie ich ſehe.“


