Teil eines Werkes 
2. Band, Problematische Naturen : 2. Band (1866)
Entstehung
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Zweiter Band. 157

konnte, mußte er immer noch erreichen. So ſchlenderte er durch den Wald auf einem Wege hin, den er noch nicht betreten hatte und der ihn, ehe er ſich's verſah, an den Strand des Meeres führte. Nun wanderte er am Strande fort, bald auf der Höhe des Ufers, wenn die See, wie es häufig geſchah, unmittelbar den Fuß der Kreidefelſen beſpülte, bald auf dem feſten körnigen Sande des ſchmalen Vor⸗ ſtrandes. Hier und da hatte einer der kurzen waſſerreichen Bäche, die aus dem Innern der Inſel dem Meere zueilen, das Ufer durchbrochen und eine Schlucht gehöhlt, die mit einer faſt ſüdlich üppigen Ve⸗ getation bedeckt war. Aber mit Ausnahme dieſer wenigen grünen Daſen zeigte ſich dem Auge nichts als kahler Fels, nackter Sand, das eintönige blaue Meer, auf dem hier und da ein weißes Segel ſchwamm, und der eintönige blaue Himmel, an dem hier und da eine weiße Sommerwolke unbeweglich ſtand. Und zu dieſem eintönigen Bilde die einförmige Muſik der brandenden Wellen und dann und wann der gelle Schrei der Möve oder das melancholiſche Pfeifen der klei⸗ nen Strandläufer.

Die Monotonie dieſer Linien, dieſer Farben, dieſer Töne wäre für ein glückliches, lebensfrohes Gemüth unerträglich geweſen, aber ſie paßte wunderbar zu Oswald's Seelenzuſtand. Es giebt Stunden, wo wir Regenwetter oder eine öde Landſchaft wie Freunde willkommen heißen, auf deren Geſichtern ſchon die Theilnahme, die ſie an unſern Schmerze nehmen, ausgeprägt iſt; Stunden, wo uns Sonnenſcheit und Vogelſang und das muntere Plätſchern des geſchwätzigen Bache wie eine Beleidigung erſcheinen. Oswald's Schwermuth harmonit mit dieſer tief⸗ernſten Natur, die von Glück und Freude nichts zu wiſſen ſchien, deſto mehr aber von dem Jammer und der Qual des Lebens. Klang der grelle Schrei, das ſchrille Pfeifen der Meeres⸗ vögel nicht wie Klaggeſang? war es nicht, als ob das Meer in den Wellen, die ſich in monotonen Cadenzen unaufhörlich am Strande brachen, das verworrene Räthſel der Exiſtenz wie im halben Wahn⸗ ſinn vor ſich hinmurmelte?... Und ſein eigenes Leben kam ihm ſo ziel⸗ und zwecklos vor, wie dies ſein Umherirren zwiſchen den Ufer⸗ klippen. Glich es nicht ſeinem Fußtritte auf dem harten Sande, wo die nächſte Welle ſchon die leichte Spur gänzlich verwiſchte? Warum