Zweiter Band. 155
Repoſitorien voll ganz oder halb vergilbter Acten und Schriftſtücke
der verſchiedenſten Art, von denen gar manches für einen fleißigen Alterthümler von hohem Intereſſe geweſen ſein würde, bedeckt waren. Während er in einem der Repoſitorien nach der alten Flurkarte kramte, fiel ihm ein kleines Bündel Briefe in die Hände, das er wohl, wie ſchon einige andere ähnliche, in das Verſteck, aus welchem er ſie unverſehens hervorgeholt hatte, zurückgeſchleudert haben würde, wenn nicht die Aufſchrift:„An den Baron Harald von Grenwitz ₰ geboren auf Grenwitz,“ ſeine Neugierde erregt hätte. Da ein triebene Discretion durchaus nicht zu den hervorſtechenden£ ſchaften des Herrn Timm gehörte, ſo löſte er ohne weiteres den vrien Faden, mit welchem die Briefe zuſammengebunden waren, und begann dieſelben einen nach dem andern zu leſen— eine Beſchäftigung, die ihn ſo ausnehmend jotereſſirte, daß er alles Andere darüber vergaß und ſelbſt das Rollereines Wagens überhörte, der vor dem Portale ſtill hielt und deſſen höchſt unerwartete Ankunft eine nicht geringe Senſation in dem Schloſſe hervorrief.
Jwölftes Capitel.
Während der acht Tage, die ſeit der Abreiſe der Familie ver⸗ floſſen waren, hatte Oswald in der Einſamkeit eines Fiſcherdorfes, kamens Saſſitz, nicht weit von Berkow nach Grenwitz, von allem Verkehr mit der Welt abgeſchloſſen, gelebt. Wie er nach Saſſitz ge⸗ kommen war, wußte er ſelbſt kaum.
Seit ihm Melitta ſo plötzlich geraubt war, hatte ihn eine grenzen⸗ loſe Gleichgültigkeit gegen Alles ergriffen, was nicht in irgend einer Beziehung zu ihr ſtand, die jetzt ſeine ganze Seele erfüllte. In dieſer Apathie hatte er ſich ſelbſt von Bruno ohne Schmerz getrennt. Auf die Wünſche der Baronin ging er um ſo bereitwilliger ein, als er ſich in ſeiner augenblicklichen Stimmung nach Einſamkeit ſehnte, wie ein Kranker nach Ruhe. So ſagte er denn zu Allem: Ja, und als er
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den Wagen, welcher die Familie führte, ſich in Bewegung ſetzen ſah, 3


