Zweiter Band. 37
hatte Theil nehmen dürfen, war in den Augen des Letzteren ein merk⸗ würdiges, tief bedeutungsvolles Zeichen. Und zu alle dieſem kam noch ein Umſtand, welcher dem hochwürdigen Herrn Oswalds Gunſt und Freundſchaft vorzüglich wünſchenswerth erſcheinen ließ. Der Paſtor war nicht ohne Ehrgeiz. Er glaubte ſich zu größeren Dingen berufen, als den Bauern von Faſchwitz das Evangelium zü predigen. Er wollte nicht umſonſt ſich bei der Lectüre alter Manuſeripte der Grün⸗ walder Univerſität die Augen verdorben, nicht umſonſt über die ver⸗ ſchollenen Fragmente der verſchollenen Schriften eines verſchollenen Kirchenvaters eine grundgelehrte Diſſertation geſchrieben haben. Er war Doctor, er wollte Profeſſor ſein, Profeſſor in derſelben Muſen⸗ ſtadt, die ihn vor fünfzehn Jahren als verkümmerten Studioſus der Theologie in abgeſchabtem Röckchen durch ihre Gaſſen hatte ſchleichen ſehen.
Er wollte es um ſo mehr, als ſeine Primula es wollte, Pri⸗ mula, welche die ländlichen Gefilde, in denen ihre„Körnblumen“ erblüht waren, herzlich ſatt hatte, und ſich im Geiſte als geniale Ge⸗ mahlin des gelehrten Profeſſors an den äſthetiſchen Theetiſchen der Muſenſtadt glänzen ſah.— Zur Erreichung dieſes höchſten Ziels konnte dem Paſtor der Profeſſor Berger, deſſen Stimme in der philoſophiſchen Facultät entſcheidend war, Profeſſor Berger, den er wegen ſeines offen zur Schau getragenen Voltaireanismus, Spinocis⸗ mus, Atheismus gründlich verabſcheute, und deſſen Protection er doch ſchon oft vergeblich erſtrebt hatte, außerordentlich nützlich werden. Oswald aber war der erklärte Günſtling des großen Mannes, der erſte Schüler des alten Meiſters. Eine Empfehlung Oswalds war mehr werth, als eine gelehrte Diſſertation— folglich Oswalds Freund⸗ ſchaft ein Ziel,„aufs innigſte zu wünſchen,“ und ein gelegentliches Lob, das ihm doch wohl wieder zu Ohren kommen konnte, gar„keine ſchlechte Theologie.“
So dachte, ſo rechnete der Paſtor.
Wie erſtaunt war er daher, als die Baronin mit einem Ton der Stimme, die nicht viel Gutes verhieß, ſeine huldvolle Phraſe mit der Frage beantwortete:
„Sagen Sie einmal aufrichtig, Paſtor Jäger, was halten Sie von dem jungen Menſchen?“


