30 Problematiſche Naturen. die grauen Mauern in Frührothlicht; in dem thaufriſchen Garten jubelten die Vögel,— aber für Oswald lag ein grauer Schleier über dem köſtlichen Morgen, denn in ſeinem Ohre klangen die Worte des Barons: er von uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben? wer s hat denn noch ein ganzes Herz?
Piertes Capitel.
„Hat Dir das Schläfchen gut gethan, lieber Grenwitz?“ fragte die Baronin.
„Ich danke, liebe Anna⸗Maria, recht gut,“ erwiederte der alte Baron.
Es war in der Nachmittagsſtunde des Tages nach dem ereig⸗ nungsreichen Balle in Barnewitz; die Redenden befanden ſich in dem⸗ ſelben, nach dem Garten hinaus liegenden Zimmer des Schloſſes, in welchem vor ungefähr acht Tagen die Unterredung zwiſchen der Ba⸗ ronin und Militta ſtattgefunden hatte. Die Baronin ſaß wieder, wie vamals, in der Nähe der geöffneten Flügelthür, die nach dem großen
Raſenplatz führte, auf welchem Melitta's Augen Oswald zum erſten
Male erblickten, und wieder nähte die muſterhaft fleißige Frau emſig und unverdroſſen, als müßte ſie ſich ihr tägliches Brod mit der Nadel verdienen. Der Baron ſaß ihr gegenüber in demſelben Schaukelſtuhl, in welchem ſich Melittc gewiegt hatte. Er erwachte ſveben aus einem erquickenden Nachmittagsſchlaf und ſchaute mit den alten, glanzloſen Augen freundlich durch die offene Thür auf den Raſenplatz, wo ſein Liebling, der Pfau, das prächtige Gefieder im Sonnenſchein erglän⸗ zen ließ. „Recht gut!“ wiederholte er, die Glieder ſtreckend.
„Aber Du ſiehſt doch ſehr angegriffen aus;“ ſagte die Baronin, die großen, kalten grauen Augen forſchend auf die verwitterten Züge des Barons heftend;„dieſe anſpruchsvollen, lärmenden Geſellſchaften ſind wahres Gift für Dich; und ich habe mir ſchon, während Du


