Zweiter Band. 29
ragen, dieſe Sprache, zu der ihn nichts berechtigt, als die Hochachtung, die er, halb gegen ſeinen Willen, vor Ihnen empfindet. Und ver⸗ ſtatten Sie mir noch dies eine Wort! Wenn Sie ſich entſchließen könnten, dies Kind zu lieben, ſo wäre es für Sie ein Geſchenk, köſt⸗ licher und reicher, als Aladins Wunderlampe. Ließ iſt allenthalben, außer in der Hölle, lautet ein tiefſinniges Wort Ve von Eſchen⸗ bach; das heißt: wo keine Liebe iſt, da iſt die H5 Die Liebe iſt der Duft der blauen Blume, der, wie Sie vorher ſagten, die ganze Welt erfüllt, und in jedem Weſen, das Sie von ganzem Herzen lieben, haben Sie die blaue Blume gefunden, nach der Sie Ihr Leben lang vergeblich ſuchten.“
Ein unſägliches wehmüthiges Lächeln umſpielte des Barons Lippen, während Oswald dieſe Worte ſprach.
„Sie löſen ſo doch das Räthſel nicht,“ ſagte er leiſe und traurig, „denn eben die Bedingung, daß wir von ganzem Herzen lieben müſſen, wollen wir die Qual los werden, die uns das Leben zur Hölle macht, können wir ja nicht erfüllen. Wer von uns kann denn noch mit gan⸗ zem Herzen lieben? Wir Alle ſind ſo abgehetzt und müde, daß wir weder die Kraft noch den Muth haben, die zu einer wahren, ernſten Liebe gehören, zu jener Liebe, die nicht ruht und raſtet, bis ſie jeden Gedanken unſers Geiſtes, jedes Gefühl unſers Herzens, jeden Bluts⸗ topfen unſerer Adern ſich zu eigen gemacht hat. Wenn Sie noch jung und gut und gläubig genug zu einer ſolchen Liebe ſind— wohl Ihnen! Von mir kann ich nur wiederholen, was ich vorhin ſchon ſagte: ich habe es aufgegeben, die blaue Blume zu finden, die wun⸗ derholde Blume, die nur dem Glücklichen blüht, der noch mit ganzem Herzen lieben kann. Doch hier ſind wir vor dem Thore von Grenwitz, und wir müſſen ein Geſpräch abbrechen, daß ich in aller⸗ nächſter Zeit mit Ihnen fortſetzen zu können hoffe und wünſche. Leben Sie wohl, und erkundigen Sie ſich recht bald perſönlich nach dem Be⸗ finden des kleinen Weſens, das ja Ihr Schützling faſt noch mehr iſt, als der meine.“
Der Wagen entfernte ſich raſch. Oswald ſchaute ihm noch lange nach; dann ſchritt er, geſenkten Hauptes, über die Brücke und über den Hof dem Schloſſe zu. Die Sonne war aufgegangen und badete


