Zweiter Band. 11
„Ich bin wohl ein rechtes Kind, nicht wahr? Aber warum nennen Sie mich nicht Du?“
„Glaubſt Du denn, Holde, daß man nur die liebt, die man Du nennt?“
„Nein, aber daß man die Du nennt, die man liebt. O, ich finde dies Du ſo himmliſch. Gott ſei Dank, der Tanz iſt zu Ende. Komm, wir wollen uns einen guten Platz ſuchen, den dort in der Ecke am Fenſter.“
Die Herren waren eifrig beſchäftigt, nach den vorher von ihren Damen eingeholten Inſtructionen, die Stühle zu arrangiren; ſchon war der Kreis faſt geſchloſſen, als plötzlich durch das Plaudern und Lachen der übermüthigen Jugend, und das Quinquiliren der armen gequälten Muſiker auf ihren ſeit einiger Zeit ſehr widerſpänſtigen In⸗ ſtrumenten, und das Klappern der Gläſer und Taſſen auf Präſentir⸗ brettern und in den Händen der Durſtenden— Stimmen aus dem Nebenzimmer ertönten, die nichts weniger als feſtlich klangen— laute, von Wein und Wuth heiſere Stimmen,— drohende Worte hinüber und herüber— nur ein paar Worte, aber gerade genug, um wenigſtens alle, die ſich auf dieſer Seite des Saales befanden, für einen Moment aus ihrem Freudentaumel aufzuſchrecken. Freilich auch nur für einen Moment, denn ein mit unfeinen Worten geführter Streit war dieſer feinen Geſellſchaft nichts Unerhörtes und dauerte nicht immer ſo kurze Zeit, wie diesmal. Auch dieſer Vorfall würde, wie ſo viele andere ähnliche, kein weiteres Aufſehen erregt haben, wenn nicht ein zweiter Vorfall, der ſich in dem Ballſaale ereignete, dem erſteren eine eigen⸗ thümliche, und für die Scharffinnigeren wenigſtens keineswegs räthſel⸗ hafte Bedeutung gegeben hätte. Kaum waren nämlich die drohenden, heiſeren Stimmen nebenan von einer dritten, die eine große Autorität über dieſe trunkenen Lapithen ausüben mußte, zum Schweigen gebracht, als Hortenſe von Barnewitz, die mit dem jungen Herrn von Süllitz den Cotillon tanzen ſollte, den Arm dieſes Herrn faßte, der, ihre Bläſſe bemerkend, ſchnell einen Stuhl herbeizog, auf welchem ſie ohn⸗ mächtig niederſank. Die Beſtürzung der Geſellſchaft war natürlich ſehr groß. Trotzdem, daß ein Dutzend Riechfläſchchen ſofort zur Hand waren, und mit dem Inhalt derſelben die Stirn, die Augen, die


