Zweiter Band.
„Iſt das wahr? Aber meine Couſine iſt ein ſehr hübſches Mädchen. Finden ſie nicht?“
„Fräulein Lisbeth iſt ein reizendes Weſen, das nur den einen Fehler hat, Sie zur Couſine zu haben, und nur den einen Fehler begeht, ſich zu häufig neben Sie zu ſtellen.“
„Warten Sie, das ſage ich ihr wieder—“
„Sie würden mich dadurch dem Haß der jungen Dame ausſetzen und mir dafür eine Entſchädigung ſchuldig ſein.“
„Und liegt dieſe Entſchädigung in meiner Macht?“
„Nein, in Ihren Augen.“
„Sie Spötter, kommen Sie, die Reihe iſt an uns.“
Oswald hatte ſich in der folgenden Pauſe zwecklos in den Zim⸗ mern umhergetrieben. Als er in den Ballſaal zurückkam, ſah er ſich vergeblich nach Emilie von Breeſen um. Halb und halb ſie ſuchend und auch wieder ohne Plan, von ſeinen böſen Gedanken gejagt, weiter irrend, gerieth er in eine andere Flucht von Zimmern, die an der den Spielzimmern entgegengeſetzten Seite an den Ballfaal ſtieß und in welchen er bis jetzt noch nicht geweſen war. Nur hier und da brannte noch ein halb verlöſchendes Licht auf einem Wanbleuchter oder vor einem Spiegel und zeigte ihm wie in einem böſen Traum ein altes gebräuntes Familienportrait oder ſein eigenes bleiches Geſicht. Die Stühle ſtanden wirr durcheinander. Die Fenſter waren mit Vor⸗ hängen verhüllt. Durch die Spalten ſchimmerte der Mond, der jetzt aufgegangen war, herein und zeichnete hier und da einen hellen Streifen auf die Teppiche des Fußbodens. Oswald trat, um friſche Luft zu ſchöpfen, an eins dieſer Fenſter. Als er den dunkelrothen, ſchweren Vorhang zurückſchlug, fuhr eine weiße Geſtalt, die in der tiefen Niſche des Fenſters auf einem niedrigen Rohrſeſſel geſeſſen und den Kopf in die Hand geſtützt hatte, ſcheu empor und ſtieß einen leiſen Schrei der Ueberraſchung aus. Oswald wollte den Vorhang wieder fallen laſſen und ſich zurückziehen, als die Geſtalt einen Schritt auf ihn zutrat und die Hand nach ihm ausſtreckte... Und ein Paar weiche Arme umſchlangen ihn und ein knospender Buſen wogte ſtürmiſch an ſeiner Bruſt; zwei glühende Lippen preßten ſich auf ſeinen Mund,
und eine leiſe Stimme hauchte:„Oswald, o mein Gott, Oswald!“ 1*


