Druckschrift 
Das Skelet im Hause : Novelle / von Friedrich Spielhagen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

112

Damit verließ Aennchen die Küche, Frau Uelzen mit ſich nehmend.

Frau Uelzen hatte durchaus die Empfindung, daß die gnä⸗ dige Frau, die ganz anders aus den Augen blickte, als vorhin, und in einem ganz anderen Tone geſprochen hatte, ſehr böſe ſei, und war entſchloſſen, dem Sturme zuvorzukommen: die gnädige Frau dürfe ſie platterdings nicht dafür verantwortlich machen, wenn nun einmal ſo häßliche Gerüchte in der Stadt umliefen; ſie habe ja ſchon vorhin geſagt, man könne den Leuten den Mund nicht verbieten, und nun habe es ja die gnädige Frau mit ihren eigenen Ohren gehört. Aber wie könne es auch anders ſein, wenn der Herr Aſſeſſor drüben es förmlich darauf anlege, den Herrn um Ehre und Reputation und— Gott ver⸗ zeih' ihm die Sünde— an den Galgen zu bringen? Sie habe vorhin nicht davon ſprechen wollen, um der jungen gnä⸗ digen Frau, die eben erſt in's Haus gekommen, nicht bange zu machen. Indeſſen, es ſei am Ende ganz gut, wenn die gnädige Frau es erführe und es dem Herrn ſagte, was er ſich von dem Herrn Aſſeſſor zu verſehen habe, um ſich bei Zeiten vor ihm in Acht zu nehmen; denn in einer kleinen Stadt, da heiße es: trau, ſchau— wem? und wenn Einer, der nach dem Herrn Bürgermeiſter der Oberſte in der Stadt ſei und immer Lack⸗ ſtiefel und gelbe Glacéhandſchuhe trage, bei dem greulichen Wetter in eigener Perſon nach dem Galgenberg gehe, um ein Paar alte Stiefel zu ſuchen und ſich hernach von dem Schuſter Böhm beſchwören zu laſſen, das ſeien des Herrn Fliederbuſch ſeine— da möchte ſie denn doch die gnädige Frau fragen, ob man ſo Einem über den Weg trauen dürfe?

Der Frau Uelzen war es höchſt unheimlich geweſen, daß, während ſie, in der Tiefe des Zimmers an den Betten ſtrei⸗ chend und an den Stühlen rückend, alſo ſprach, die gnädige