Erſter Band.
Erſter Band. 189 neuen Freunde zu halten, der ihm im Laufe des Nachmittags ſchon mehr als eine Gefälligkeit erwieſen hatte.
„Sie ſcheinen die Geſellſchaft nicht beſonders zu lieben, Herr von Langen,“ ſagte er lächelnd über die Eilfertigkeit des jungen Mannes.
„Die große Geſellſchaft— nein! Ich bin in faſt abſoluter Einſamkeit aufgewachſen. Mein Vater, der nicht eben reich iſt, ſchloß ſich in dem Intereſſe ſeiner Kinder von dem geſelligen Leben des hie⸗ ſigen Adels faſt gänzlich ab. Hernach kam ich auf die Schule. Ich hätte gern ſtudirt; aber der Vater bedurfte meiner für die Wirthſchaft, welche er bei zunehmendem Alter nicht mit derſelben Rüſtigkeit leiten konnte; ſo mußte ich denn von der Schule abgehen, als ich ein Jahr in Prima geſeſſen hatte. Seitdem iſt der gute Vater geſtorben und ich habe die paterna rura kaum verlaſſen. Sind Sie Jäger?“
„Nein, ich habe bis jetzt nicht die mindeſte Gelegenheit gehabt, die Nimrodnatur, die möglicherweiſe in mir ſchlummert, zu cultiviren.“
„Ah, das iſt ſchade; aber das findet ſich— wir haben eine recht hübſche Hühner- und Haſenjagd. Sie ſollten vorläufig etwas mit der Piſtole ſchießen. Man lernt dabei viſiren und bekommt eine ſichere Hand.“
„Nun mit Piſtolenſchießen habe ich im Leben leider beinahe zu viel Zeit verbracht,“ antwortete Oswald.„Mein Vater, ein Sprach⸗ lehrer und im Uebrigen ſehr friedfertiger Mann, hatte eine wahre Leidenſchaft für das Piſtolenſchießen; es war ſeine einzige Erholung. Er ſchoß, wie ich nie im Leben wieder Jemand habe ſchießen ſehen, mit einer faſt wunderbaren Geſchicklichkeit. Ich habe nie den Grund dieſer ſeltſamen Leidenſchaft erfahren können. Einmal fiel es mir ein, ihn zu fragen, wie er dazu gekommen ſei? Ich werde den Ton nie vergeſſen, in welchem er mir antwortete: Es gab eine Zeit, wo ich hoffte, mich durch eine Kugel an einem Manne rächen zu können, der mich tödtlich beleidigt hatte. Als ich meines Zieles vollkommen ſicher war— ſtarb der Mann. Seitdem ſchieße ich in Gedanken auf ihn; jedes Aß, das meine Kugel trifft, iſt ſein falſches, grauſames Herz.
Ich drang in ihn, mir den Mann zu nennen.“„Das kann ich nicht,“ antwortete er;„aber wenn Du Dir auch etwas bei der Sache denken


