Teil eines Werkes 
1. Band, Problematische Naturen : 1. Band (1866)
Entstehung
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Erſter Band. 55

ſchriftgelehrten Miſſionär und einem Stamme gutmüthiger wilder Menſchen. Auch ſchien der Prediger ſelbſt, ein kleiner, ſchmächtiger Mann von etwa vierzig Jahren mit einem durch woteite Studien ausgetrockneten Geſicht, dies recht wohl zu empfinden; denn er war Oswalds, in welchem er natürlich ſofort den vielbeſprochenen neuen Hauslehrer von Grenwitz erkannte, kaum anſichtig geworden, als er ſeinen Vortrag hauptſächlich an ihn zu richten begann, als an den Einzigen, der im Stande ſei, den Werth der gelehrten Perlen zu würdigen, die ihn hier, vor ungebildetes Rüſſelvieh zu werfen, ein unverſtändiges Conſiſtorium nöthigte.

„O, meine andächtigen Zuhörer,“ rief er, die bebrillten Augen auf Oswald gerichtet, der ſich, ſo gut es gehen wollte, hinter den blonden Lockenkopf verſteckte,„o, meine andächtigen Zuhörer, ihr ſehet, ein wie ſchwaches Ding dieſen ungeheuren Fragen gegenüber die menſchliche Vernunft iſt. Und dennoch, dennoch, Vielgeliebte, giebt es irrende Brüder und Schweſtern, die noch immer dem Nachtlicht ihrer eitlen Vernunft vertrauen, nachdem ſchon längſt auch für ſie die Sonne aufgegangen iſt. O ja! dieſes Stümipfchen ihrer Unſchlitt⸗ kerze mag ihnen hell genug erſcheinen in den Tagen der gedankenloſen Jugend, den Tagen des Feſtes, der Herrlichkeit und der Freude; aber nicht alſo in den Tagen des kummervollen und gedankenſchweren Alters. Darum gebet auf das ſtolze Vertrauen auf die Vernunft, und haltet feſt an dem Glauben! Gebet auf die thörichte Zuverſicht auf euren geſunden Menſchenverſtand, wie ihr ihn nennt! O, meine an⸗ dächtigen Zuhörer, dieſer geſunde Menſchenverſtand iſt ein kranker, ein ſehr kranker Menſchenverſtand, iſt ein Teufelsſpuk und ein Irr⸗ licht, daß Euch unaufhaltſam in den Sündenpfuhl der Verderbniß lockt!“

Oswald wurde durch dieſe Rede, die ſich, mit Citaten aus der heiligen Schrift reichlich untermiſcht, noch eine halbe Stunde fort⸗ ſpann, auf eine eigenthümliche, aber keineswegs angenehme Weiſe be⸗ rührt. Der Gegenſatz zwiſchen der ſtillen, demüthigenden Unterwer⸗ fung unter die großen, ewigen Geſetze der Natur, die aus den Wor⸗ ten der alten Frau und noch mehr aus ihrem ernſten, beſcheidenen Weſen geſprochen hatte, und der anmaßlichen Zuverſicht, mit welcher