50 Problematiſche Naturen.
ſelten vermögen, dieſe mit unbefangenem Auge zu betrachten? iſt es, daß, wo das Herz zum Herzen ſpricht und die Seelen in einander fließen, die Geſtalt, wie ein Kleid von dem Blitz verzehrt wird? daß es des Gleichniſſes, welches alles Vergängliche iſt, nicht bedarf für den Geiſt, der das Unvergängliche, die Idec, zu erfaſſen verſteht?—
Während Oswald nur an Melitta dachte, nur an ſie denken wollte,
ſah er die Baronin, Mademviſelle Marguerite, dieſe oder jene Dame ſeiner Bekanntſchaft, aber die Amazone im grünen Reitkleide zerflat⸗ terte ihm immer wie neckiſcher Nebel.„So flattre fort, Du ſchöner Spuk!“ rief der junge Mann, und ſuchte ſeinen Gedanken eine andere Richtung zu geben.
Das Terrain war bis dahin wellenförmig geweſen, jetzt wurde
es eben, wie die Fläche des Meeres in der Windſtille. Eine weite
Haide lag vor ihm, jenſeits derſelben das Kirchdorf, welches das Ziel ſeiner Wanderung war. Andere Gehöfte bekränzten in weiter Ferne die Fläche. Die Weiden, die bis dahin den Weg bekleidet hatten, wurden ſpärlicher und verſchwanden zuletzt ganz. Hier und da hatte man auf der Haide die Raſendecke entfernt, um den Torf
zu gewinnen, der nun in langen ſchwarzen Reihen zum Trocknen auf⸗
geſchichtet da lag. In den ſo entſtandenen tiefen Gräben blinkte das Waſſer. Kibitze und anderes Sumpfgevögel flatterte hin und wider. In der weiten, öden Runde ſah Oswald keinen Menſchen, außer einer Frau, die ein paar hundert Schritte vor ihm auf einem Grenz⸗ ſteine ſaß. Als er näher kam, fand er, daß es eine alte, ſehr alte Frau, in einem armſeligen, aber äußerſt reinlichen Anzuge war. Sie mußte wohl, von dem Wege ermüdet, auf dem Steine eingenickt ſein; denn ſie richtete den tief geſenkten Kopf ſchnell in die Höhe, als
Oswald in ihre Nähe kam und betrachtete verwundert den jungen
Mann.
„Guten Morgen, Mütterchen!“ ſagte dieſer ſtehen bleibend; Fiſt das Dorf dort gerade vor uns Faſchwitz?“
„Ja!“ ſagte die Frau mit für ihr Alter auffallender Lebhaftig⸗ keit,„der junge Herr will wohl auch in die Kirche?“
„Ja, Mütterchen! wann füngt die Predigt an?“
Die Alte warf einen Blick nach der Sonne und ſagte:
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