44 Problematiſche Naturen.
unſer ſtilles Leben, liebe Melitta; im Gegentheil, ich denke, eine kleine Zerſtreuung der Art wird Herrn Doctor Stein, der die Einförmig⸗ keit eines ländlichen Aufenthalts ſicher ſchon empfunden hat, recht willkommen ſein. Ich ſelbſt wollte Sie für morgen ſchon zu einem Beſuche zu beſtimmen ſuchen, Herr Stein; bei unſerm Paſtor, der ſchon empfindlich ſein wird, daß Sie ſich ihm noch nicht vorgeſtellt haben.“
„Nun, das läßt ſich ja ganz gut vereinigen,“ ſagte Melitta; „morgen iſt Sonntag, der Paſtor Jäger wird entzückt ſein, wenn Sie die nicht allzu große Schaar ſeiner Zuhörer durch Ihre Perſon ver⸗ mehren. Berkow iſt von Faſchwitz durch den Wald nur ein halbes Stündchen entfernt. Ich würde Sie gleich zu Mittag einladen, aber ich weiß, daß die Frau Paſtorin Sie nicht ſobald wieder fortlaſſen wird. Nun, was ſagen Sie, Herr Doctor?“
„Ich kann den Damen nur meinen tiefgefühlten Dank aus⸗ ſprechen, daß Sie die Güte haben wollen, über meine Zeit beſſer zu disponiren, als ich es auf jeden Fall im Stande wäre,“ antwortete Oswald mit einer höflichen Verbeugung.
„Das heißt: der Weiſe ſchickt ſich in das Unvermeidliche,“ ſagte Melitta lachend.„Und hier kommt der Baron mit Malte, und wir können zu Tiſche gehen, wonach ich, offen geſtanden, großes Ver⸗ langen trage.“
Die Tafel war auf dem niedrigen Perron, der nach dem Garten zu dem Schloſſe in ſeiner ganzen Länge angebaut war, unter einem Zeltdache gedeckt. Der Abend war herrkich. Die Sonne war im Untergehen. Roſige Lichter ſpielten in den Wipfeln der hohen Buchen, die den ſchattigen Raſenplatz umgaben. Schwalben ſchoſſen zwitſchernd und zirpend durch die klare Luft. Ein Pfau kam, durch das wohl⸗ bekannte Klappern der Teller herbeigelockt aus dem Gebüſch eilig über die Wieſe geſchritten, und ſammelte die Brocken auf, die der alte Baron ihm über das Steingeländer des Perrons zuwarf.
Die Unterhaltung war heute um Vieles lebhafter, als es wohl ſonſt der Fall war. Die Baronin konnte, wenn ſie wollte, eine ſebr angenehme Wirthin machen, und ſie war rer zur Schau Ze⸗ nicht ſo frei von


