42 Problematiſche Naturen.
ſteht Ihnen ausnehmend gut. Wollen Sie nicht gefälligſt einmal den Kopf in die Höhe heben; ich wünſchte, Ihre Augen zu ſehen. So— sauve qui peut!“
Melitta trat, als Oswald jetzt zufällig die Augen aufſchlug, ſchnell zurück, ſo daß ſie hinter der Thür verborgen war. Sie warf einen flüchtigen Blick in einen Spiegel, der ſich in der Nähe befand, und glättete raſch ihr üppiges Haar. Dann näherte ſie ſich ver⸗ ſtohlen wieder der Thür.
Bruno kam aus den Bäumen herbeigeſprungen und zeigte Oswald ein Büchelchen:„Hier iſt es,“ rief er,„aber Sie bekommen es nicht.“ Oswald wollte den muthwilligen Knaben haſchen, der ihn immer herankommen ließ, um ihm dann jedesmal durch eine blitz⸗ ſchnelle Wendung, oder einen Satz, deſſen ſich ein Uncas nicht hãtte zu ſchämen brauchen, zu entgehen.
Melitta war, durch das hübſche Schauſpiel angelockt, aus ihrem Verſteck getreten. Sobald Bruno ihrer anſichtig wurde, rannte er auf ſie zu, und Oswald, der, über die unerwartete Erſcheinung der Dame verwundert, ſtehen geblieben war, ſah, wie der Knabe ihre Hände ergriff und mit ſtürmiſcher Zärtlichkeit an ſeine Lippen drückte.
„Da biſt Du ja, mein Wilder!“ ſagte die Dame und ſtreichelte die dunklen Locken des Knaben,„wo haſt Du denn den gup Nach⸗ mittag geſteckt?“
„Ich bin ſpazieren geweſen— mit Oswald, wollte ſagen, mit Herrn Doctor Stein;“ rief Bruno, und dann zu Oswald ſich wen⸗ dend, der grüßend näher getreten war,„dies iſt Frau von Berkow, Oswald, von der ich Ihnen nur noch heute Morgen erzählte; dies iſt Herr Stein, Tante Berkow, den ich ſehr, ſehr lieb und den Sie auch ein wenig lieb haben ſollen.“
„Man darf ſeine Waare nicht zu ſehr anpreiſen, Bruno,“ ſagte Oswald, ſich lächelnd vor der jungen Frau verbeugend,„oder der Käufer wird ſtutzig.“
„Nicht, wenn der Verkäufer ſo gut accreditirt iſt, wie dieſer
Wildfang bei mir,“ ſagte Melitta, leicht errthend.„Wie lange ſind
Sie ſchon auf Grenwitz, Herr Doctor?“


