Erſter Band. 25
Tante; Alle fürchten ſich vor ihr; aber ich habe ſie doch lieb, denn ſie hat Muth wie ein Mann und ich haſſe nur die Feigen. Malte iſt ein Feigling.“
„Malte iſt ſchwach und kränklich, und Du mußt Nachſicht mit ihm haben; aber, wenn Du die Tante wirklich lieb haſt, warum biſt Du ſo unfreundlich gegen ſie?“
„Bin ich unfreundlich?“ Der Knabe ſchwieg. Eine Wolke zog über ſeine Stirn, ſeine Naſenflügel zuckten und ſein dunkelblaues Auge war wie eine Gewitterwolke, als er jetzt, haſtig aufblickend, ſagte:
„Ich bin unfreundlich, ich weiß es. Aber wie ſoll ich anders ſein? Ich eſſe hier im Hauſe Gnadenbrod, ſoll ich noch dafür dan⸗ ken? Ich kann es nicht, ich will es nicht, und wenn ſie mich aus dem Hauſe jagten. Sehen Sie, Oswald, ich habe oft gewünſcht, man jagte mich fort, ja, ich habe es darauf angelegt, daß ſie es doch ja thäten; dann ginge ich in die weite Welt und verdiente mir mein tägliches Brod, wie tauſend und tauſend andere Knaben, die nicht ſo ſtark und ſo muthig ſind, wie ich. Heute noch, als wir am Strande gingen und der Dreimaſter am Horizonte auftauchte und wieder ver⸗ ſchwand, da wünſchte ich ſo heiß, ſo heiß, ich hätte mitſegeln können, als Schiffsjunge, als Matroſe— nur fort, fort von hier, gleichviel wohin.“ ⸗
Wenn ſo der Knabe die geheimſten Wünſche ſeines Herzens rückhaltslos ſeinem Freunde und Lehrer offenbarte, da geſchah es denn wohl, daß dieſen ein Zweifel beſchlich, ob er, der ſelbſt den Weg, den er zu gehen hatte, ſo wenig deutlich ſah, der rechte Mann ſei, den wilden, leidenſchaftlichen Knaben zu leiten. Aber je weniger er ſich im Stande fühlte, ausſchweifende Wünſche, chimäriſche Hoffnun⸗ gen zu bekämpfen, die er ſelbſt im Stillen theilte, deſto mehr ver⸗ chwand die Kluft zwiſchen Lehrer und Schüler— deſto brüderlicher wurde nur ihr Verhältniß. Noch hatte kein menſchliches Weſen einen „ ſo tiefen Eindruck auf Oswald gemacht, als dieſer wunderſame Knabe.
Er liebte ihn, wie ein Künſtler das Werk, an dem er ſchafft, wie ein
gater den Sohn, in welchem er zu verwirklichen hofft, was ihm ſelbſt
zu erreichen verſagt war, wie eine Mutter das Kind, für das ſie


