12 Problematiſche Naturen.
nachdenklich in die Hand geſtützt hatte, in die Höhe— vor mir ſteht der Profeſſor Berger. Ich fahre von meinem Sitze auf.
„Erlauben Sie, daß ich mich zu Ihnen ſetze,“ ſagt der ſeltſame Mann, indem er auf dem Divan Platz nimmt und mich an ſeine Seite winkt.„Sie gefallen mir und ich wünſche Ihre nähere Be⸗ kanntſchaft zu machen. Ich bin der Profeſſor Berger; mit wem habe ich die Ehre?“
„Mein Name iſt Stein.“
„Sie ſtudiren, oder vielmehr, was haben Sie ſtudirt?“
„Ich wollte, Herr Profeſſor, ich könnte auf dieſe Frage einfach „Philologie“ antworten, da dies aber eine grobe Unwahrheit wäre, ſo kann ich nur ſagen: ich wünſche, ich hätte Philologie ſtudirt.“
„Wie ſo?“.
„Weil mir alsdann die Ehre Ihrer näheren Bekanntſchaft weniger bedenklich erſcheinen möchte.“
Ein Lächeln ſpielte um den Mund des Profeſſors die Wange hinauf und verlor ſich in dem Winkel des rechten Auges.
„Sie ſtehen vor dem Examen?“
wie Sie kennen ja das Sprichwort, Herr Profeſſor.“
Das Lächeln zuckte vom Ange wieder herunter zum Munde.
„Und da erſchrecken Sie vor mir wie Hamlet vor ſeines Vaters Geiſt?“
„Wenigſtens erſcheinen Sie mir in ſehr fragwürdiger Geſtalt.“
„Nun wohl, da ſehen Sie ſelbſt, daß wir eben deßhalb näher mit ⸗einander bekannt werden müſſen. Wollen Sie morgen Abend, oder wenn Sie ſonſt Zeit und Luſt haben, ein Glas Theepunſch mit mir trinken?“
Ich ſagte natürlich nicht nein.
Und dies war der Anfang meiner Bekanntſchaft, ja, ich darf
wohl ſagen Freundſchaft mit dieſem außerordentlichen Manne. Wir ſind von dieſer Zeit an, ſo lange ich in Grünwald war, täglich zu⸗ ſammen gekommen, und ich ſchlage die praktiſchen Vortheile, die für mich aus dem Verkehr mit dem Gelehrten ſich ergaben, lange nicht ſo hoch an, als die tiefen Blicke, die ich in dem vertraulichen Um⸗ gange mit dem Menſchen in einen der räthſelhaft
eſten Charaktere thun
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